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überall und auf den eisten Blick an, um zu
erheben, zu bessern, den Menschen auf Beob>
achtungen und Bemerkungen über sich, die
Wclt, daü Leben und die Geschichte hinzulei«
ten. Sein Produciren ist kein Schaffen für
die müßine Unterhaltung, für den Reiz der
Langenweile; seine Schriftstellern ist ihm
etwaS Höhere«, ein geheiligter Veruf. eine
Mission, die er mit Würde und bestem Nach-
drucke zu erfüllen strebt. Vor solchem Stre-
ben muß man Achtung und Ehrerbietung
haben i selbst wo es irrt und Verfehltes lei>
stet; um wie uicl mehr aber, wo es uns so
uicl Gutes und Schätzenswcrthes bietet, wie
hier, wo die Armuth mit ihrem Lcid, ihrer
Wehmuth und der ganzen erschütternden Ne<
signation ihres Tlends, nirgends jedoch mit
jener Gehässigkeit auftritt, die es Mode gc>
worden war, ihr eine Zeitlang unterzubrei>
tcn. Joseph Rank w i l l die Armen
n! cht gegen die Ne! chen hehcn, son>
dern die Reichen den Arme» gewin-
nend zuführen, um durch sie in mildthä-
tiger Weise ihren Zustand verbessert und gc<
mildcrt zu machen, In edler und herzgewin»
nendcr Weise der Anwalt der Dürftigkeit
sein, welche schönere Aufgabe kann sich ein
Dichter stellen!"
Nudolfth Gott schall schreibt in seiner
Literaturgeschichte über Rank- „Viel zarter,
inniger und sinniger als Gotlhelf (Pfarrer
AlbertVitzius,Pseudonym IeremiasGott»
helf), aber ohne jene »aturkräftigcn Hebel
der Darstellung, welche die Gestalten in
° derbster Anschaulichkeit freilich oft aus der
„Mistjauche" hervorheben, uicl sentimentaler
und überschwenglicher als Auerbach, aber
ohne seine plastische Klarheit, Ruhe und Ge»
mtssenhrit erscheint der böhmische Dorfge,
schichtenschreiber Joseph Rank, ein Autor,
welchem vielleicht am meisten das Jean
Pnul'schc Ideal der Idylle vorschwebt,
welcher die kleine und beschränkte Welt mit
der inneren Poesie des Herzens durchleuchtet,
der aber dabei oft in's Verworrene, und Maß»
lose verfällt, so liebenswürdig auch hin »nd
wieder seine Verirrungen sein möge». Die
Vereinigung einer realistisch'Iüchtigen Dar,
stellung mit einer reichen Innerlichkeit ist
dem Autor nicht überall so geglückt, daß
nicht Veides in einander spielend, einen trü«
bcn Schein erzeugt hätte. Ein weitschweisi.
ger, rhapsodischer Ton, der oft mit allen
Glocken läutet, wo eine einfache Kuhschelle
einen größeren Eindruck gemacht hätte, ist ein Hauptfehler dieser idealisirten Dorfge,
schichten. Doch verräth sich in ihnen eine
größere Erfindungskraft, als wir Auerbach
und Gotthel f zuschreiben können, es gib!
wenig so anmuthig erzählte Dorfgeschichten,
wie Nank'ö „Hoferkäthchen" , wenig so
romanhaft spannende, wie sein „Schün-Min-
nellc" (<8!!3), wenn auch die Motiuirung
nicht vollkommen sauber und einleuchtend ist.
Got thc l f kann nur Dorfgeschichten schrei»
ben; er ist der Vauer in der Literatur; bei
Auerbach fühlt man den nothwendigen
Zusammenhang zwischen seiner spinoMischen
Bildung uud seinen starren Volkscharatleren
heraus: daß Joseph Nank aber als Dorf'
gefchichten'Autor auftritt, das ist ein zufälli
ges Einlassen einer dichterischen Natur mit
beliebten und gangbare» Stoffen. Er tritt
in „Florian", „Schün>Minnele" u. A, schon
aus diesen Kreisen heraus und macht die
Idylle, wie Immermann , Schücking,
Wald au u. A. thun, nur zu einem Theile
des ganzen socialen Gemäldes. Die dichte
rische Warme der Nank'schen Schilderun»
taucht zwar die Idylle in eine reichere Zar°
uenpracht, trägt aber auch oft eiue roman»
hafte Uebcrreizuug in ihre harmonischen Ail<
der hinein. In seinem Hauptwerke: „Aus
dem Bühmcrwalde, Vilder und Erzählungen
aus dem Volksleben" (!l Bd, l«l!l) entwirft
Nank ein provinzielles Sittcngemälde in
einer Reihe sich ergänzender Vilder, Das
deutsche Volksleben in Böhmen, das durch
seiue wehmüthige Isoünmg einen eigl'N>
thümlichen Neiz erhält, wird uns in diesen
Dorfnovellen in einer charakteristischen Weise
vorgeführt. Ein neuer Noman des Autors,-
„Achtspännig" (2 Vd, l8»7) sucht ein cultu»
geschichtliches Moment aus unserer Entwick»
lungsepoche zu ueranschaulichen. Sein Held
ist der „letzte Fuhrmann", welcher dem Ge>
nius des Dampfes zum Opfer fallt, aber
zuletzt doch die Bedeutung dieser Culturmacht
anerkennen muß.
IV. Nauk's Autograph im Frauksurter Parla-
mcnls.Albilm. Als Rank im April >84U mit
den übrigen Deutsch<Oesterreichcm — nachdem
die Angelegenheiten im Nrichspnrlamente eine
Wendung genommen, daß deren Verbleiben
in demselben nicht gut möglich war — aus
dem Parlamente ausschied, gab er seinen
Empfindungen in folgenden Worten Ausdruck:
„Mit einem heiteren und einem weinenden
Auge scheidet Deutsch'Oesterrcich von Tuch;
weint über seine schönen Träume,, die e«
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Prokop-Raschdorf, Volume 24
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Prokop-Raschdorf
- Volume
- 24
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1872
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 450
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon