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Stephanie) Christian Gottlob 22t Stephanie, Christian Gottlob
beiden Helfershelfer außerhalb der Bühne
gespielt, zu Tage. Der Spruch der nie.
derösterreichischen Regierung wurde cas.
sirt und beide S t e p h a n i e erhielten
Befehl, in Wien zu bleiben, der Unter«
halt wurde ihnen von Seite deS Hofes
angewiesen. Nun sprach auch das Pu-
blicum ein Wörtchen mit und verlangte
die ihm liebgewordenen Künstler zu se«
hen. Af f l ig io sah sich gezwungen, mit
denen, denen er einen so schmählichen
Abgang zugedacht, neue Contracte zu
schließen. Dieß war die letzte Wehe, welche
der Geburt der neuen Wiener Hofbühne
voranging; nun war das starke, lebens«
fähige Kind da, und gedieh biS zur
Stunde. Der Hauswurst war auf immer
begraben. Die ertemporirte Komödie
und ihr noch haßlicherer Wechselbalg,
die K u r z'sche Mißgeburt, hatte ihren
lehren Athemzug gethan. Es mußte dieß
hier auSfühllich dargestellt werden, um
das nicht immer verständliche Interesse,
daS sich an den Namen Stephanie in
der Wiener Theatergeschickte knüpft,
vorläufig zu erklären, und um den Nach.
weis zuführen, wie tief Stephan ie's
des alteren N>ime in die Entwicklung der
Wiener Bühne eingreift. Als im Jahre
4760 Stephanie zum ersten Male die
Wiener Bühne betrat, spielte er die
ersten Liebhaber und feinkomische Cva«
rattere. Die ersten Rollen, in denen er
austrat, waren C la i rva l im Lustspiel
„Celie" und der Or eft im Trauerspiel
„Androinache". Als im Jahre 1770 die
Wiener Bühne durch die Gebrüder
Lange j^Bd. XIV, S. 97) einen glän-
ze^den Zuwachs erhielt, trat S ie-
ph a n i e die ersten Liebhaber an den
ungemein begabten, aber der Kunst zu
früh entrissenen. alteren L a n g e ab
und übernahm nun das Fach der Vä»
ter, worin er l77l in D i d e r o t'S „Hausvater" mit größtem Erfolge debu»
tirte. Dieses Fach spielte er bis in seine
spätesten Tage, und als Kaiser I o-
seph I I . im Jahre l787 den verdienst»
vollen Veteran, der bereits 27 Jahre so
erfolgreich an der Bühne gewirkt, mit
ganzem Gehalt in den Ruhestand ver«
setzen wollte, erbat sich Stephanie
die Gnade. noch weiter an dem in
schönstem Gedeihen begriffenen Institute
fortwirken Z'l dürfen, was er denn auck
wirklich noch volle elf Jahre that, so
daß er im Ganzen 38 Jahre an der
Wiener Bühne gewirkt und wesentlich
zu dem Nuhme derselben beigetragen
hatte. I n den letzteren Jahren war er
Mitglied der Direction geworden, und
hatte als solches natürlich noch wirk«
sanieren Einfluß auf die gedeihliche Ent-
Wicklung dieser Kunstanstalt. Aber uicht
als darstellender Künstler bloß war S.
thatig. Schon oben wurde seiner ichrift»
stellerischcn Thätigkeit als Herausgeber
einer Wocheuschlift gedacht. Er setzte
diese Thätigkeit später als dramatischer
Dichter fort. Wir werden weiter unten
die von ihm in Druck erschienenen dra«
malischen Arbeiten angeben. Aber nicht
nur, daß er selbst schrie!?, auch die Stücke
Anderer, von denen einzelne Stellen von
der damaligen Censur beanstandet wur«
den. andeltc er ab, ohne ihren eigent«
lichen Kern anzutasteu oder wie es heut«
zutage zu geschehen pflegt, das eigent«
liche Gefüge umzuändern, und bewirkte
so daß ihre Aufführung ermöglicht und
so dadurch manches Talent für die dra-
malische Dichtung gewonnen wurde. Wie
vortrefflich als Künstler, so gediegen
war er als Mensch. Er half. wo es in
einen Kräften lag. Freilich mußte auch
er die Erfahrung machen, daß der alte
persische Spruch im Wohlthun seine beste
Wirksamkeit bewahre: .Spendest du
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Stehlik-Stietka, Volume 38
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Stehlik-Stietka
- Volume
- 38
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1879
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 398
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon