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Cheben 190 Theben
Koppel Theben verdanken, nicht an,
auszurufen: „daß dieser an das blutige
Inquisitionsgespenst der Glaubensein-
heit mahnende Schlag nicht so sehr den
unschuldigen Juden als vielmehr dem
i in p o n i r e n d e n Iudenthume galt".
I n der Folge aber mehrten sich die
Anzeichen, daß auch an die ungarische
Iudenheit die Gefahr herantrete. Schon
im Jahre 1741 wurde Griechen, Arme-
niern und Juden zumal Oberungarns
unter Androhung der Strafe „behörd-
licher Confiscation" der Weinhandel ver-
boten. Nach einem Dekret vom 2. Jänner
1744 sollte künftighin wie in Böhmen so
auch in Mähren kein Jude mehr geduldet
werden. Viele Israeliten dieser beiden
Kronlander wanderten damals nach Un-
garn, zunächst nach Preßburg aus, wo
sie, um mit Ignaz Reich zureden, am
Pessach genannten Jahres die Gassen
Preßburgs mit Jammergeschrei erfüllten.
Mit Decret vom 13. Mai 1743 wurde
ihnen vorderhand ein Aufenthalt von
zehn Jahren gegeil Entrichtung einer
Toleranztaxe gestattet. So standen die
Verhältnisse, als Koppel Th eben an
die Spitze der Preßburger Juden ge-
langte. Um das eigenste Wesen dieses
einsichtsvollen, die Interessen seines
Volksstammes rastlos und energisch ver-
tretenden Vorstehers seiner Gemeinde zu
beleuchten, möchten wenige Beispiele ge-
nügen. Als es einst in Preßburg brannte,
rief er der rathlos und erschreckt nach der
Brandstätte eilenden Menge, um sie zu
beschwichtigen, mit voller Kaltblütigkeit
zu: „Es brennt ja blos mein Haus". Ob
diese Worte nur eine Beruhigungsphrase
waren oder auf trauriger Wahrheit be-
ruhten, berichtet sein Biograph nicht, und
doch wäre es wichtig gewesen zur Beur-
theilung des Mannes, der im ersteren
Falle als ein leichtsinniger Schwätzer, in letzterem dagegen als seelisch groß er-
schiene. Jeden Freitag speiste und be-
schenkte Theben viele jüdische Arme,
welche vor der Thüre seines Hauses der
Spende harrten, und mußte or für
den leergebliebenen Tisch seines eigenen
Hauses nicht selten um -Speisen ins
Gasthaus schicken. Als bei Ausbruch des
Türkenkrieges im Jahre 1788 über hun-
dertzwanzig halbverhungerte jüdische
Flüchtlinge aus dem südlichen Ungarn in
Preßburg eintrafen und vor der Syna-
goge sich aufstellten, brachte er sie unter
Obdach, für die meisten aus eigenen
Mitteln sorgend. Nie gerieth er in Ver-
legenheit, sich und seiner Gemeinde aus
der verwickeltsten Sachlage herauszu-
helfen. Als die Preßburger Fischerzunft
beschlossen hatte, den Juden der Stadt
das Fischessen an Sabbaten und Fest«
! tagen so theuer als möglich zu mcicken,
! erließ er an seine Gemeinde die Mah-
j nung, alle Fischeinkäufe einzustellen, bis
! die Zunft sich eines Besseren besänne.
Ein anderes Mal, als die Preßburger
Stadtcommune sich mit der Ab ficht trug,
die Donaubrücke unter der Bedingung in
Pacht zu geben, daß von den Juden ein
doppelter Brückenzollzu entrichten
sei, brachte er unter bedeutender Preis-
erhöhung den Pacht an sich, und seine
Glaubensgenossen zahlten wie bisher den
üblichen Brückenkreuzer. Als im März
1783 das Verbot des Barttragens an
die Juden erging, bewirkte er wenige
Wochen danach die Aufhebung desselben.
Die wichtigste Mission aber, deren Aus-
führung er auf sich genommen, bestand in
der Abwehr der Militärpflicht, zu welcher
die Juden herangezogen werden sollten.
Es war dies eine Maßregel, welche die-
selben am schwersten traf. Da sie aber
denn doch der übrigen Bevölkerung
gegenüber in einem Ausnahmszustande
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Terlago-Thürmer, Volume 44
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Terlago-Thürmer
- Volume
- 44
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1882
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 360
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon