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Jahre als Diener, als Lehrer von
Köchinen und Dienstmädchen unter den
drückendsten Verhältnissen verbrachte.
„Kein Stein ist in dem Pflaster der
kleinen Stadt", schreibt er selbst, „der,
wenn er sprechen könnte, nicht von meinem
Elende zu erzählen wüßte". Trotz der
mageren Kost, die meist nur in Waffer
und Brod bestand, gedieh er doch trefflich
und machte in der Schule die besten Fort-
schritte; war aber in der einen Stadt
das Semester um, dann hielt es ihn nicht
länger, er ergriff den Wanderstab und
ging aufs Gerathewohl in eine andere.
Auf solche Art besuchte er Wien, Prag
und andere Städte der Monarchie; bei
guten Menschen fand er, da er lateinisch
sprechen konnte, Unterkunft, auch ward
ihm ab und zu ein Stück Geld auf den
Weg mitgegeben, und diese Wanderungen
waren die Vorschule seiner spateren Der»
wischfahrten. Wenn er dann wieder in
die Stadt zu den Studien zurückkehrte,
wollte es ihm in den beengten Verhält»
nissen nimmer recht gefallen, indessen setzte
er seinen Selbstunterricht fleißig fort, be-
gann französisch zu lernen, verlegte sich
auch nebenbei auf das Slavische, so daß
er im Alter von fünfzehn Jahren neben
dem in der Schule erlernten Latein die
Kenntniß der deutschen, magyarischen,
französischen und slovakischen Sprache
besaß. Anfangs lernte er nur Vocabeln
und stieg von zehn täglich allmälig zu
sechzig, ja hundert. Später-erst schritt er
zur Verbindung in Sätzen. Die großen
Nesultate, welche er mit dieser Methode,
durch die er auch sein Gedächtniß stärkte,
in Kurzem erzielte, machten ihn nur noch
eifriger, bald ging er vom Selbststudium
des Franzosischen zu den übrigen Zweigen
der romanischen Sprachbildung über. Und
als er nun gar die Classiker der verschie
denen Sprachen im Original zu lesen begann, da gab es für ihn kein Halt
! mehr, er wurde nur noch lernbegieriger,
und seine Sprachstudien gewannen einen
immer größeren Umfang. Zu dem sprach,
lichen Eifer gesellte sich aber, eben durch
die Lectüre geweckt, bald die Sehnsucht
nach dem Orient, denn in den Wecken
Tasso's, Ariost's, Cervantes', By.
ron's fesselten ihn vor Allem die Scenen,
welche in den Ländern des Sonnenauf,
gangs spielten. Mit dieser Sehnsucht
wuchs denn auch das Verlangen, die
Sprachen des Orients kennen zu lernen,
und so begann er zunächst mit dem Tür»
! kischen, defsenStudium ihm durch das Ma-
gyarische einigermaßen erleichtert wurde,
wenngleich es auch da galt, große Schwie»
rigkeiten zu überwinden, da ihm ja alle
^ Mittel fehlten, um die sprachlichen Werke,
! deren er bedürfte, zu kaufen. So geschah
! es denn, daß er einmal, durch seinen
! Selbstunterricht irregeführt, einen ganzen
> starken Band fehlerhaft einstudirte, so
! daß er damit von vorn beginnen mußte.
Auch noch andere Folgen schlimmster Art
hatte für ihn dieses Selbststudium. Da er,
um zu memoriren, laut sprach und in
seinem Eifer sein Geberdenspiel immer
heftiger und grotesker wurde, hielt man
ihn bald für einen Wahnsinnigen, und
in Folge dessen verlor er seine Lehrerstelle.
Doch auch das überwand er, er suchte
eine andere und trieb sein Studium un»
verdrossen fort. Nun galt es, seine Sehn«
sucht nach dem Orient zu befriedigen.
Dazu aber fehlten ihm alle Mictel, und
schien der Zeitpunkt des Antrittes seiner
Wanderschaft immer ferner zu rücken. So
war er zwanzig Jahre alt geworden, alö
ihn ein günstiger Zufall mit Joseph Frei»
Herrn von Eötvös M . IV, S. 33)
zusammenführte. Der vorurtheilslose geist-
volle Aristokrat erkannte bald in dem
jungen Hebräer, der ihm sein Sinnen und
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
Ullik-Vassimon, Volume 49
- Title
- Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
- Subtitle
- Ullik-Vassimon
- Volume
- 49
- Author
- Constant von Wurzbach
- Publisher
- Verlag der Universitäts-Buchdruckerei von L. C. Zamarski
- Location
- Wien
- Date
- 1883
- Language
- German
- License
- PD
- Size
- 13.41 x 21.45 cm
- Pages
- 348
- Keywords
- Biographien, Lebensskizzen
- Categories
- Lexika Wurzbach-Lexikon