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Tagebuch 1938/1
Jetzt warten wir aufs Heimfahren ;
wir haben gleich früh gepackt, was keine
Kleinigkeit war. Hatte doch d. Jung-
fer unseren Koffer ausgepackt u. in d.
weiträumigen Zimmer in d. Überfluß
von Hänge – u. Legemöglichkeiten
unsre Dürftigkeit ausgebreitet. Ganz
zum Schluß fand Hans noch in einer
unerschlossen gebliebenen Lade einen
Hemdkragen, den er schon verloren ge-
glaubt hatte. Er lag ganz einsam
…
8. Februar.
Wir sind zurück in Dr Churchills Haus,
finden eine Begrüßungskarte von ihr
vor – sie selbst kommt wohl morgen
zurück. Gute Post auch von d. Kindern ;
Stoffel schickt sein Jännerpatientenrefe-
rat, das wirklich befriedigend ist, Anderl
nur einen herzlichen Zettel. Er hat kein
Heimweh nach Wien – aber doch nach
Europa. Es ist ausgelöst aus seinem Mit-
fühlen, daß wir in Paris sind. „Das ist d.
Stadt, nach der ich mich oft sehne“
–21
Wir sollen seine Briefe nicht nach
Wien schicken – er würde direkt hin-
schreiben, schon wegen Großmama
…
Wir waren ein Sprünglein bei Colnaghi, der uns d. Katalog seiner (im letzten Bur-
l[ing ton] Mag[azine] besprochenen) Zeichn[ungen]-Ausstell[ung] schenkte u. uns in
d. 2. Wochenhälfte einige Blätter zu zeigen versprach. Bei Agnew erreichten wir eine
noch ausständige Tintorettophoto[graphie] u. trafen in d. Türe Kenneth Clark d. an-
gegriffen aussah u. am nächsten Tag für einen Monat nach Paris aufzubrechen angab.
Die Ausstellung d. 17. Jhs. war nur eine etwas lahme Angelegenheit
– mir schienen nur
d. italienischen Z[eichnung]en sehr gut gewählt zu sein (Popham). Die Austell[ung] ist
bis 7h offen (Donnerstag sogar bis 10 !) – wir nutzten es aus u. endeten bei Burgs zum
Abendessen, die jetzt in einem Appartmenthouse in Mount Royal wohnen. Er war ge-
rade bei einer Nieren-Blasenuntersuchung gewesen, die ihn von vielen ausgestandenen
Ängsten freisprach, mit d. Geschäft zufrieden, aber doch körperlich etwas shaky. Sonst
freundlich u. taktlos wie immer. Es kam noch sein angeheirateter Neffe Dr Lukas hinzu,
wurde rauchig und uninteressant. Um 11h waren wir zuhause.22
Abb. 55 : Ein Heiliger von Lorenzo Lotto aus der Sammlung Rayner-
Wood, Malvern.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien