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Tagebuch 1938/1
schrecklich. Ich war verzweifelt. Als
dann beim Nachtmahl d. Radio mit
ähnlichem Getute aufgedreht wurde,
wehrte ich mich erfolgreich (In ei-
ner englischen Pension ist d. Essen
halt schlechter !). Heute war ein gu-
ter Brief vom Hans auf d. Post, der mir
eine heitere Grundnote gab, die ich
im Gabinetto delle Stampe trotz al-
ler Arbeitsschwierigkeiten nicht verlo-
ren habe. Diese bestehen darin, daß d.
Quasi Leiterin mit ihrem (weibl[ichen])
Unter läu fel und mit ihrem kommenden
u. gehenden Besuchen ohne auch nur
eine Minute zu pausieren tratscht. Als
um ½ 1 wieder 2 Gäste, die mit großem
Hallot konversiert hatten, mit demsel-
ben Hallot sich verabschiedet hatten,
lief mir die Galle so über, daß ich sagte,
wie difficile es sei sich zu concentrare
u. zu lavorare, wenn immer im Zimmer
gesprochen wird. Darauf setzte sich die
doctoresse zum aller erstenmal an die-
sem Vormittag zu ihrem Arbeitstisch u.
nahm ein Buch vor. Um eins ging ich
fort, habe das Wesentliche durchgear-
beitet. Ich kaufte mir am Weg wieder 2
Bananen, diesmal besonders große, eine Schokolade u. eine Art Strauben u. ging aufs
Kapitol hinauf ; da es die allgemeine Mittagspause war, hatte ich beide Museen für
mich allein, was ich auf der Konservatorenseite, von d. Gartenterrasse d. Museo Mus-
solini aus, besonders genoß. Warum mich in d. vollen Borghesepark setzen, in dem
doch so viel Staub von d. Wagen, Trams, Kindern, Pferden, Eseln u. s. w. in d. Luft
liegt, wenn ich auf einem Aufseherstockerl, das ich mir in d. Sonne hinaus getragen
habe, auch sitzen u. ins Grüne schauen kann ? ! Schließlich hat man ja 5 Lire Entrata
gezahlt ; d. h. nicht ein H[ans], dessen Tessera galt ! Daheim hab ich einen Brief an
Hans Sch[oenberg] geschrieben u. dann ein bisserl gearbeitet u. dann an Bastianelli
teleph[oniert], der wirklich noch lebt u. anscheinend auch gesund ist, denn er ist ver-
reist u. kommt erst morgen in Rom an. Und d. Hans morgen abends
…60
Abb. 60 : Konservatorenpalast mit „Museo Mussolini“.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien