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Tagebuch 1938/1
della Campagna […] viele Pordenones u. die Kreuzabnahme, die Tintoretto nach
Daniele d[a] Volt[erra] hier kopiert haben soll. Die Kopie – bedeutend kleiner als d.
Original weist nicht d. kleinsten Zug Tintorettos auf, das muß eine mißverstandene
Tradition sein. Die von Fr[öhlich]-B[um] als Porden[one] veröffentl[ichte] Z[eichnung]
d. Albertina (Vorderseite : Predigt Katharinas, Rücks[eite] : Verlob[un]g Kath[arinas])
ist nach einem Fresko u. einem Ölbild derselben 1546 erst aufgerichteten Kapelle –
selbstverständl[ich] Kopie nach d. beiden Komposit[ionen]. Wir haben noch d. Dom
u. d. Post aufgesucht (Absage Thyssens), sind über d. Hupferlpflaster* fluchend zu
einem Café, wo wir an einem Tischerl in etwas kranker Sonne unsere obligate Cho-
kolade tranken. Und zurück ins Hotel ([…]). Es ist sehr altvaterisch, kaltes Zimmer.
Aber auf einer Glasveranda sind Tischerl à la Schreibzimmer. Ein Radio tobt, ebenso
Vogerln in einem Käfig, jeder der vorüber kommt, schlägt d. Glastür zu. Sie hält es
aus
– u. wir auch.116
29. [April] Mittag.
In einem herrlich geheizten Warteraum auf d. Bahnhof in Cremona auf unseren
Triebwagen (roter Plüsch) nach Piacenza wartend. Wir vergessen die Ungemütlich-
keit d. Albergo in Piacenza
– inzwischen ist es der
30. [April] früh
geworden, ich fahre fort, Milano, Albergo Doria e Svizzero, gut. In Cremona haben
wir uns diesmal nur d. Galerie angesehen, deren Direktor – ein Geistlicher – uns mit
d. Aufseher allein bei d. Z[eichnung]en ließ. Die venezianischen sind uninteress[ant]
bis auf eine, die wir photogr[aphierten], eine richtig tintoretteske u. doch wieder so
schwache
– feminine !
– Umsetzung sign[iert] Marietta Tintoretta ! Von denen, die uns
nichts angehen, hat uns eine mit Monatsdatum u. Jahr 1515 sign[ierte] Kopie aus d.
Sixtina (Ahnengruppe Michelangelos u. einzelne Figuren wohl aus einem d. Quatt-
rocentowandbilder) interessiert. Das Inventar sehr ausführl[ich] in d. Beschreib[ung]
aber nur mit „Ignoto“ für d. Namen ! Wir fuhren nach Piacenza zurück, holten un-
ser Gepäck, bei welcher Gelegenheit H[ans] seine Füllfeder verlor, nocheinmal ins
Hotel ging u. sie wiederbekam ! Alles in 26 Minuten Aufenthalt. In Mailand mach-
ten wir einen giro zum Amexco (Post von Hartt, Bischop, Helma, Stoffel, Burgeline
u. ein rekom[mendiertes] Schreiben von dem provis[orischen] Rektor Christian, daß d.
Venia legendi auf Grund d. Erlasses so u. so entzogen sei). Dann zu Kunsthändlern.
Pesaro : Altarbild v. Cariani 1520 (Londoner Ausstell[ung]) Christus als Salvator, 2
empfehl[ende] H[ei]l[i]ge u. großes knieendes Stifterpaar. Ein wundervoller Antonello
da Messina Mad[onna] + K[ind]. Eine frühe Bellinimadonna, die wir heute in Na-
tur sehen wollen. Ein zweiter Händler hatte nichts, was uns interess[ierte] im Laden,
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien