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Tagebuch 1938/2
wir noch, ob wir ihm nicht ein Trinkgeld geben müßten, diesmal entpuppt er sich
als „Wissenschaftler“. Er macht eine Abhandlung über berühmte Leute, die durch
Selbstmord endeten u. fragt uns aus, ob Fey sich das Leben genommen oder hinü-
berbefördert worden sei. Bei M. Bataille ist nicht viel los. Ein kleines Fragment einer
Anbe t[un] g [der] Könige (die Hälfte ohne d. Madonna u. d. knieenden König) sieht
im Stil Vernons aus […]. Auf d. Rückseite ist ein Engel von der Annunzierten Ma-
donna, die gleichfalls fehlt. Ein wenig Bellangig. Aber sonst nichts. Und bei seinen
Schwiegereltern auch nur Dinge „die man hat, aber nicht kauft“.29
10. [September] Reims (Hôtel Moderne, ruhigst, billig).
Wenn ich mir bez[iehungsweise] wenn ich uns einmal das Leben nehme, so nur in
einem sehr vornehmen Hôtel. Es gehört doch eine Umgebung dazu, die einen mehr
anspricht. Inzwischen haben wir heut früh hier die Kirche St. Jacques u. die Kathe-
drale besucht. Ich saug’ mich gern voll mit solchen sightseeings, wenn man doch
nach Amerika hinüberreist. Im Museum wars fürchterlich gehängt. Man könnte eine
sehr eigenartige u. erstklassige Sammlung draus machen, wenn man es richtig aus-
misten u. mit Atempausen aufhängen könnte. Diese Folge von gotischen Gobelins
u. gotisch gezeichneten Tüchern (Die „mystères de la revanche de Jesu Christ“) und
die S[amm]l[un]g mit den Corot- u. Zeitgenossenbildern, die 5 Musikanten von d.
Hausfassade herunter, der Bronzekandelaberfuß – wie ist das doch alles schön ! Der
Conservateur ist ein Maler, genau wie man sich ihn vorstellt. Der Hut sogar oben
spitz ! Eine Do[menico] Campagn[ola]zeichn[ung] ist wohl nur eine spätere Fassung,
die eine Landsch[aft] von Do[menico] C[ampagnola] mit einem späteren Engel ver-
knüpft – kann wegbleiben. Von einem sog[enannten] Fr[ancesco] da Ponte haben wir
uns ein Photo bestellt ([…] Rue St. Jacques), da d. bedeutende Blatt wohl zu unseren
„verlorenen Fresken gehört“. Aber wie das schon ist : um 12h12 waren wir fertig mit
allem
– und um 12h10 war d. Zug nach Paris abgefahren. So haben wir gut ausgeruht
u. ziehen jetzt los
– nach Paris.30
13. [September]
Was erlebt man nicht alles während eines Tages ! Wir kamen also
– Samstag abends
in Paris an, wo wir Blumen von Liesbeth im Hôtel vorfanden. Wir wässerten sie ein,
tele ph[o nierten] an Floch (wo Störung war), an Liesbeth (zu der wir nach d. Nacht-
mahl gingen), nachtmahlten Chez Georges, wo wir Ehepaar Steiner trafen, kamen
½ 1 auf vom Métro Trocadéro nachhaus, trafen auf d. Métro Edel. Das ist bekannt-
lich so in Paris. Als wir es (gestern abend) Floch erzählten, sagte er („alles schon
dagewesen“) : „das ist ja ganz selbstverständlich, denn die Franzosen sind noch alle
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien