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Tagebuch 1938/2
am Land.“ (also : muß man doch
– bez[iehungsweise] kann man doch nur
– Steiner u.
Edel treffen). Bei Liesbeth waren auch d. Eltern (aus Versailles, der Vater noch stark
boulversé, die Mutter unverändert). Sie fahren demnächst nach Canada u. Bahama,
wo sie eine Insel kaufen wollen. Den Sonntag (mit entzückend blondem lichtblau-
äugigem Wetter verbrachten wir zumeist in d. Iranischen Ausstellung (mit Lies-
beth), den Abend mit Edel Chez Georges und Café. Mir war wenig gut am mor-
gen u. auch noch am nächsten Tag (gestern), daß ich kaum aufstehen konnte. Nach
dem Frühstück gab es sich dann. In-
zwischen hatte sich d. polit[ische] Lage
immer mehr zugespitzt, die Antwort aus
London (von d. Society) beruhigte uns
auch nicht, was unsere amerik[anische]
Immigrat[ion] anbelangt u. wir be-
schlossen aufs amerik[anische] Konsulat
zu fahren. Ich fragte Hans, ob er ent-
schlossen wäre den Krieg mitzuerleben
u. welche Schritte zu unternehmen wä-
ren. Er sagte, er wäre entschlossen. Ich
hatte in meiner etwas seasicken Verfas-
sung auf ein nein gehofft, meine Ma-
genstimmung war einem Selbstmord-
vorhaben günstig. Beim Konsulat war
ein Mädchen sehr nett u. ihre Auskunft ermutigend. Beim Mittagessen mit Lies-
b[eth] u. Jury Beckman in d. Rue […], nachher im Louvre bei Verne (wegen Verlän-
gerung d. Aufenthalts – taube Sekretärin !) bei d. Zeichnungen, wo nur getratscht
wurde (Lebrun glaubt nicht an Krieg „Ca s’arrangera“). Kurzes Ausruhen zuhaus,
Abend bei Floch, wo wir Janek Merkel trafen. Inzwischen hatte der Führer gespro-
chen u. Extrablätter wurden verkauft. Die Stadt ist so still, man hört kein Wort auf
d. Straße. Nachts von einem Fliegerangriff geträumt, den wir mit 100en andern
Hotelgästen über Weisung auf d. Hausdach erwarteten. Ich hatte eigene u. fremde
Kinder um mich u. Hans neben mir. Aber Anderl kam u. kam nicht. Ich ging ihn
suchen rief „Anderl“ u. „Anderl“, bis ich erwachte. (Frau Mimis Cremetorte oder die
tatsächl[iche] Kriegserwartung ?)31
19. [September]
Ich habe fast eine Woche lang nicht geschrieben. Es war zu aufregend. Kunsthisto-
r[i sche] Erlebnisse : nur ein Besuch bei Mathey, wo wir eine sehr bedeutende Z[eich-
nung] von Canuti ([…] sitzender Zeus oder so was) u. einen wohl vläm[ischen]
Primitiven auf Pergament sahen, eine von vielen Rittern angebetete sitzende Anna
Selbdritt mit (von andrer Hand gezeichnet[em]) architekt[onischem] Abschluss. Für
Abb. 86 : Passierschein für den Louvre.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Band II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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- Titel
- Erica Tietze-Conrat
- Untertitel
- Tagebücher
- Band
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Herausgeber
- Alexandra Caruso
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 346
- Kategorie
- Biographien