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Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
Seite - 355 -
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Neue Ordnungen für die Reichsbehörden 355 kanzler Jonas verloren, der seit der Abreise Karls V. auch die Geschäfte eines Reichsvizekanzlers wahrgenommen hatte, ohne diesen Titel zu führen246. Fer- dinand berief unverzüglich den letzten Inhaber dieses Amtes unter seinem Bru- der, Georg Sigmund Seld247; mit der schnellen Ernennung überging der Kaiser die vom Erzkanzler beanspruchte Mitbestimmung. In den während des Reichstages mit dem Mainzer Kurfürsten geführten Verhandlungen über Lei- tung und Ordnung der Reichskanzlei akzeptierte dieser die Berufung Selds248. Die am 1. Juni erlassene neue Ordnung für die Reichskanzlei249 sicherte dem Reichserzkanzler theoretisch beträchtlichen Einfluß zu. Ihm wurde für die Zeit seiner Anwesenheit am kaiserlichen Hoflager nicht nur die Siegelführung, son- dern auch der Vorsitz im Reichshofrat zugebilligt. Er erhielt das Recht, das Kanzleipersonal – nach Zustimmung des Kaisers – zu ernennen, das auch ihm zu Gehorsam verpflichtet war. Ob indessen diese Zugeständnisse praktische Folgen haben würden, war nicht sehr wahrscheinlich, das hätte häufige längere Präsenz am Kaiserhof zur Voraussetzung gehabt. Die Praxis begann so, daß Ferdinand den Stellvertreter des Vizekanzlers präsentierte und der Mainzer ihn ernannte250. Die Bearbeitung der Reichssachen einerseits, der Angelegenheiten der österreichischen Erblande andererseits sollte zwar säuberlich getrennt erfol- gen, aber Ferdinand setzte seine auf praktischen Erwägungen und Kostengrün- den beruhende Auffassung durch, daß das Personal der Reichskanzlei zu beiden Aufgaben herangezogen werden durfte251. Die Ämter des Reichsvizekanzlers und des Leiters der Hofkanzlei für die österreichischen Erblande wurden verei- nigt252. Der Reichshofvizekanzler (so die neue Bezeichnung) sollte von Amts wegen Mitglied des Reichshofrates sein253. Der Mainzer Erzbischof hatte auf dieser Bestimmung bestanden, denn der Vizekanzler sollte ja seine Vertrauens- person sein; durch die vorher vorgenommene Berufung Selds hatte Ferdinand sie für dieses Mal entschärft254. Erstmalig erlebte es Ferdinand auf diesem Reichstag, daß die Stände die In- strumente der Gravamina und Supplikationen auch zur Kritik an seinen eigenen politischen Interessen einsetzten. Die Gravamina der Protestanten und ihre Freistellungsforderung kaschierten das insofern, als sie die Katholiken als Ge- samtheit und das Reichskammergericht angriffen. Direkt attackiert wurde der neue „Mehrer des Reichs“ wegen seiner Weigerung, das 1548 besetzte und de facto mediatisierte Konstanz als Reichsstadt zu restituieren. Die Kritik wurde im Rahmen der Beratungen über die Verbesserung der Kreisordnung von 1555 von Württemberg im Namen des Schwäbischen Kreises vorgebracht und pro- 246 Kretschmayr, S. 400 247 Seld, der noch in einem Dienstverhältnis zum Brüsseler Hof stand, erhielt von Philipp II. umge- hend die Freigabe (HHStA Wien, Belgica DD Abt. B rot, Nr. 232, fol 562r-563r: Philipp II. an Seld, 12.1.1559, Kopie). 248 Groß, S. 11 u. S. 307f. 249 Druck bei Fellner/Kretschmayr I/2, S. 288ff 250 Groß, S. 11 251 Groß, S. 9; Fellner/Kretschmayr I/1, S. 144 252 Kretschmayr, S. 407f 253 Kretschmayr, S. 411 254 Ähnlich Vogel, S. 23 CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
Titel
Ferdinand I. als Kaiser
Untertitel
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
Autor
Ernst Laubach
Verlag
Aschendorff Verlag
Ort
Münster
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-402-18044-0
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
786
Schlagwörter
Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
Kategorie
Biographien
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