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KAISERLICHES INSTITUT UND
ERINNERUNGSRAUM496
thek.216 Dass Effenberger auf inoffiziellem Weg zur Kenntnis der Personal-
situation in der Fideikommissbibliothek gelangt war, ist anzunehmen. Für
seine Verwendbarkeit als Bibliothekar sprach, dass er mehrere philologische
Studien (Anglistik, Germanistik, Romanistik, Slawistik) absolviert hatte.
Dass er aber speziell für die Betreuung der Kunst- und Porträtsammlung
geeignet war, ist eher fraglich. Schnürer führt in seinem Gutachten an,
dass Effenberger in Prag auch Kunstgeschichte studiert hätte, Schüler
des Kunsthistorikers Alwin Schultz (1838–1909) gewesen und von August
Sauer mit der Herausgabe der Porträts von Franz Grillparzer betraut wor-
den wäre. Diese „Grillparzer-Ikonographie“ sollte im Herbst des Jahres 1911
erscheinen und war vielleicht als Teilband von Sauers monumentaler his-
torisch-kritischer Ausgabe der Werke des Dichters geplant; ein Werk dieses
Titels konnte allerdings nicht ermittelt werden. Dennoch erhielt Effenber-
ger die Stelle als Skriptor der Fideikommissbibliothek und legte am 4. März
1911 den Diensteid ab.217
Effenbergers Karriere in der Fideikommissbibliothek war nicht von lan-
ger Dauer. Bereits Ende August 1912 reichte er ein Ansuchen um Entlas-
sung aus dem Dienst ein, das von Schnürer befürwortet und von der Ge-
neraldirektion anstandslos bewilligt wurde.218 Die Gründe dafür werden
nirgendwo genannt; doch aus einer brieflichen Quelle aus dem Freundes-
kreis des Pianisten Artur Rubinstein, dem Effenberger angehörte, geht
hervor, dass dies die Konsequenz aus einer Affäre Effenbergers mit einer
verheirateten Dame war.219 Als seinen Nachfolger schlug Schnürer Ernst
Hefel (1888–1974) vor, der an der Universität Wien Geschichte und Kunst-
geschichte studiert hatte, und zwar mit solchem Erfolg, dass er bereits im
vierten Semester als ordentliches Mitglied des Institutes für österreichische
Geschichtsforschung zugelassen wurde.220 Auffallend ist, dass in diesem
Fall der Bewerber nicht durch oder über die Generaldirektion vermittelt,
sondern durch den Bibliotheksdirektor selbst ausgewählt wurde: Hefel war
mit Schnürer bereits einige Jahre bekannt und wurde von ihm offensicht-
lich protegiert.221 Nichtsdestotrotz wurde er zunächst nur provisorisch als
216 FKBA39001, fol. 6v–7r; Hausarchiv der ÖNB, 778/1909 u. 272/1911.
217 FKBA39001, fol. 18r.
218 FKBA40068, fol. 1–4.
219 Sachs, Rubinstein, 131f.
220 FKBA40068, fol. 7r–v.
221 FKBA40068, fol. 7v. Gleichzeitig hatte sich auch Robert Hohlbaum für die Skriptorenstelle
beworben, der durch seine unmittelbar davor eineinhalb Jahre lang in der Fideikommiss-
bibliothek geleistete Tätigkeit als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter prädestiniert dafür ge-
wesen wäre. Hohlbaums Anstellung wurde von Schnürer jedoch nicht einmal in Erwägung
gezogen (FKBA40068, fol. 13r–14r).
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken