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Speicherkarten ausgestattet, auf denen mehrere tausend Fotos festgehalten
werden können. So wird in einer bestimmten Situation mit einer digitalen
Kamera meist ein Vielfaches mehr an Fotos gemacht als mit einer analogen.
Es wird viel schneller und spontaner auf den Auslöser gedrückt, viel mehr
fotografiert. Die Bildauswahl wird in vielen Fällen nicht beim Fotografieren
getroffen, sondern zu einem späteren Zeitpunkt. Die Vielzahl an Fotos, die
beim digitalen Fotografieren entstehen, kann aber auch zu einer Hürde im
Auswahlprozess werden.
Löschen oder Bewahren? Bei digitalen Verfahren kann gleich nach der
Aufnahme überprüft werden, ob ein Foto dem entspricht, was man damit
zeigen wollte. Bei der Verwendung digitaler Kameras können einzelne Fotos
beliebig gelöscht werden, was ein Nachteil sein kann, wenn die Teilnehmer_
innen Bilder löschen, ohne sie vorher genau angesehen zu haben. Bei der
Beurteilung anhand des Kameradisplays werden oft interessante Details
übersehen, denn der Gehalt eines Fotos ist in der kleinen Ansicht oft nicht
erkennbar. Bei analogen Kameras dagegen kann ein Bild erst aussortiert
werden, wenn es bereits entwickelt wurde und als Print vorliegt. Oft wird erst
beim Ansehen der Prints erkannt, ob ein Bild interessant ist. Auch kann der
Auswahlprozess dadurch gemeinsam mit Anderen geschehen, wodurch
Bilder Beachtung bekommen, die der_die Fotograf_in im Alleingang unter
Umständen gelöscht hätte.
Computer oder Fotolabor? Je nachdem, in welchem Kontext und mit wel-
chen Zielen ein Gruppenprozess angelegt ist, muss bedacht werden, ob und
wie die Teilnehmer_innen über einen längeren Zeitraum hinweg selbstständig
mit Fotografie arbeiten können. In einem Umfeld, in dem Computer leicht
zugänglich sind und die Teilnehmer_innen über ausreichend Kenntnisse zur
Ver- und Bearbeitung von digitalen Fotos verfügen, empfiehlt es sich, was an
Material, Wissen und Fähigkeiten vorhanden ist, im Projektzusammenhang
zu nutzen. In einem solchen Setting können die Teilnehmer_innen selbständig
ihre Fotos von der Speicherkarte auf den Computer übertragen und ausdrucken.
Sind nicht für alle Teilnehmer_innen Computer vorhanden oder verfügen
nicht alle über das notwendige Wissen im Umgang damit, muss die Verarbei-
tung der Fotos von der Projektleitung übernommen bzw. unterstützt werden.
In manchen Settings ist es unter Umständen einfacher, einen Farbfilm zur
Entwicklung in ein Fotolabor zu bringen, als sich Zugang zu Computerräumen
zu verschaffen bzw. das notwendige Computer-Know-how zu vermitteln.
Filmrolle oder Speicherkarte? Ein Vorteil bei der Verwendung von
Filmrollen besteht jedenfalls in Bezug auf das Copyright. Ein Negativ ist im
Gegensatz zu den Daten auf einer Speicherkarte ein Unikat und kann nicht
einfach dupliziert werden; das unkontrollierte Reproduzieren ohne die
Erlaubnis der Urheber_in wird beim analogen Fotografieren also erschwert.
Umgekehrt bedeutet das jedoch auch einen größeren Aufwand, wenn Fotos
für verschiedene Zwecke (immer nur mit der Erlaubnis der Urheber_innen)
veröffentlicht werden sollen — dann müssen die Negative digitalisiert werden,
was einen zusätzlichen Arbeitsschritt bedeutet.
Generative Bildarbeit
Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Titel
- Generative Bildarbeit
- Untertitel
- Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Autor
- Vera Brandner
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5008-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 276
- Schlagwörter
- Forschendes Lernen, Fotografische Praxis, Methodik, Generative Bildarbeit, Grenzarbeit, Kulturelle Differenz, Praxeologie, Selbstversuch, Reflexive Grounded Theory, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmungen, Situationalität, Reflexivität
- Kategorie
- Medien