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Thalmanns Habilitationsschrift74warManns „wichtigste Quelle für
NaphtasPerspektiveaufdieFreimaurerei“75,ausihrstammt„fastalles[…],
wasNaphta zuFreimaurernundRosenkreuzern,AlchimieundHermetik
zusagenweiߓ76.DieBemerkungenSettembrinis zumGeheimbundwesen
hingegenbeziehen sich–mitAusnahmedes oben erwähntenZitats – auf
andere Quellen.77Diese Aufteilung ist durchaus der Figurenkonzeption
geschuldet, vertrittdochNaphtaeinebetontantiaufklärerische, irrationale
Auffassung des Freimaurertums, wie sie ihreHochblüte gegen Ende des
18.JahrhundertshatteundwiesievonThalmannmiteinigerBestimmtheit
beschriebenwird.SeinideologischerWiderpartSettembrinibeziehtsichals
Angehörigereinerfortschritts-undvernunftgläubigenWeltauffassungaber
auf die langeTraditionder vonverklärterMystikund Irrationalität freien
Form des Geheimbundwesens. Gleichzeitig erfährt in der betreffenden
FreimaurerpassageauchdieFigurHansCastorpeinePräzisierung.Naphta
beschreibt dieAlchimie als
Stoffverwandlung und Stoffveredlung, Transsubstantiaton, und zwar zum
Höheren, Steigerung also, – der lapis philosophorum, das mann-weibliche
Produkt aus Sulfur undMerkur, die res bina, die zweigeschlechtliche prima
materiawarnichtsweiter,nichtsGeringeresalsdasPrinzipderSteigerung,der
Hinauftreibung durch äußere Einwirkung, –magische Pädagogik,wenn Sie
wollen.78
ErsetztdamitHansCastorpsBildungsweginAnalogiezuralchimistischen
Verwandlung.79 Das Lungensanatorium wird dabei, wie Mann selbst
formulierte, zur „hermetische[n] Retorte, in der ein schlichter Stoff zu
ungeahnter Veredlung empor gezwängt und geläutert wird“80. Naphtas
„magischePädagogik“81 ist abernichts anderes als die starkkomprimierte
74 In der Sekundärliteratur zuThomasMannwirdThalmanns Studie fälschlicher-
weise als Dissertation bezeichnet. Vgl. u.a. Scheer/Seppi: Etikettenschwindel?
(1991), S. 56; Mann: Der Zauberberg. Kommentar von Michael Neumann
(2002), S. 97.
75 Mann:DerZauberberg.Kommentar vonMichaelNeumann (2002), S. 324.
76 Mann:DerZauberberg.Kommentar vonMichaelNeumann (2002), S. 97.
77 So u.a. auf Wichtl:Weltmaurerei,Weltrevolution,Weltrepublik (1919). – Zu
Manns Freimaurer-Quellen vgl. neben den bereits erwähnten Forschungstiteln
auchNunes:Die Freimaurerei (1992).
78 Mann:DerZauberberg [1924] (2002), S. 770.
79 Vgl. dazuMann:Der Zauberberg. Kommentar vonMichaelNeumann (2002),
S. 330–331.
80 Mann:VomGeist derMedizin [1925] (2002), S. 1001.
81 Mann:DerZauberberg [1924] (2002), S. 770.
III.1. Darstellung statt Erkenntnis? 161
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher