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listischeGründe.WieThalmannsText ist auchNaphtas Redemetapho-
rischstarkaufgeladenundrhetorischüberakzentuiert; siebestehtauseiner
AnhäufungmaurerischerTerminiund ist vollmitKonnotationen,die auf
rational nicht fassbare Zusammenhänge des Geheimbundwesens mit
mystischen Vorgängen verweisen. Dabei mutenNaphtas „Begriffskaska-
den“wie „Wortjongliererei“ an; sie rufennichtVerständnis, sondern,wie
Rainer Scheer und Andrea Seppi mit Recht betonten, eine „Art Verne-
belungseffekt“ hervor; teilweise sind seine Aussagen auch „schlichtweg
falsch“.85UmhistorischeVerifizierbarkeit oder pädagogische Schlichtheit
geht es also inderNaphta-Passage ebensowenigwie inThalmannsBuch.
Während der besondere Stil bei Thalmann einem Erkenntnisinteresse
geschuldet ist, dasnicht auf geschichtlicheÜberprüfbarkeit setzt, sondern
aufeinebestimmteArtderDarstellung,dieeinenMehrwertanBedeutung
erzielen soll, hängt Naphtas Rhetorik mit der Figurenkonstellation im
Roman zusammen. Seine Rede hat, wie Mann selbst bemerkte, die
Funktion, den „radikale[n] und überpointierte[n]Charakter derDiskus-
sion“mit Settembrini herauszustreichen und ihrer beider Zeichnung als
„Extremisten“zubetonen.86ObdieDarstellungderFreimaurerei sachlich
korrekt ist, spieltedabeikeineRolle; insofernhatMannThalmannsStudie
auch nicht aufgrund ihrer historischenGlaubwürdigkeit als Quelle ver-
wendet, sondern aufgrundder Illustration einerVielzahl von literarischen
FreimaurermotivenderRomantik.WennbereitskurznachErscheinendes
Romans Einspruch gegenMannsDarstellung desGeheimbundwesens –
gerade auch gegen diejenige, die sich auf Thalmann bezieht – erhoben
wurde,87soberührtdasalsowederdieZielsetzungvonMannsliterarischem
Werknoch vonThalmannswissenschaftlicher Studie.88
Neben denDiskussionen über dasWesen der Freimaurerei ist es vor
allem die Epoche der Romantik, die zeitgenössisch zu einem vielfach
85 Scheer/Seppi: Etikettenschwindel? (1991), S. 64.
86 Ballin:ThomasMannunddieFreimaurer(1930),S.242(BriefvonMannanFritz
Ballin vom15.Mai 1930).
87 Vgl. u.a. Janssen: ThomasMann und die Freimaurer (1961); Ballin: Thomas
Mann und die Freimaurer (1930); Grützmacher: ThomasMann und das Frei-
maurertum (1927).
88 ZuManns Anleihen bei ihrer Habilitationsschrift hat sich Thalmann nicht ge-
äußert. Bemerkenswerterweise hat sie aber in Bezug auf JakobWassermanns li-
terarische Texte mehrfach dessen „Materialausbeutung“ und „Welt aus zweiter
Hand“kritisiert, inderdas„MeinundDeinvielfachmehrals fließendeGrenzen“
habe.Thalmann:WassermannsCasparHauserundseineQuellen(1929),S.208;
dies.: JakobWassermann (1933), S. 133–134.
III.1. Darstellung statt Erkenntnis? 163
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher