Seite - 210 - in Germanistik in Wien - Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
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standteil derKnabenweihe“ausmache,hervorhebt.Weiser istnämlichder
Ansicht, dass eine Interpretation dieser Weihen, vor allem der Über-
gangsriten, „nicht nach den logischenGesetzen der heutigenDenkweise
erfolgenkann“, sondern „vondemprälogischenundmystischenZustand
der Primitiven ausgeh[en]“muss. (Weiser 1927, 14–15) Es gehtWeiser
umdie „Erlebnisse[ ], die jeneÜbergänge indermenschlichenSeele […]
auslösen“, um „ein Berührtwerden oder Ergriffensein von einer über-
menschlichenMacht“, das einen „Wendepunkt“, eine „innereUmwand-
lung“imLebendesKnabenvollzieht.Der„KerndieserErlebnisse“ist ihres
Erachtens also „ekstatischerArt“. (Weiser 1927, 17)100
NebenderreligiösenKomponenteverleihendieInitiationenaberauch
soziale Rechte, haben also gemeinschaftsbildende Funktion. In der „Blü-
tezeit der Stammesweihe“ war die Führung des Stammes und die der
Weihen, soWeiser, in denHändenderÄltesten, der Stammbestand „aus
allen initiiertenMännern, eingeteilt in dieKlassen der Junggesellen, ver-
heiratetenMänner und der Alten, und bildet[e] so in seinerGesamtheit
eineGesellschaft“. ImLaufe derZeit, d.h.mit demWachsen der Bevöl-
kerung, mit zunehmendem Ackerbau und anderen kulturellen Errun-
genschaften zeigten sich aberWeiser zufolge „verschiedene Verfalls- und
Entwicklungserscheinungen“ dieser Initiationen und Weihen. Diese
führten dazu, dass imUnterschied „zur äußerlichenGemeinschaft“ eines
Stammes verstärkt die innere Gemeinschaft, also eine „seelische Ver-
wandtschaft als Bundesmacht“, hervortrat. Dieser „große[ ] innere[ ]
Fortschritt“ war lautWeiser aber freilich nur „bei religiös hochbegabten
Völkern“möglichundhatte,daraufwill siehinaus,einenGrund:nämlich,
dasssich„einFührerüberdenStammerhebt“.DieFolgenderInstallierung
eines „Führers“, der auch die Jünglingsweihen durchzuführen hatte,
zeigten sich lautWeiser darin, dass aus „Altersklassen“ „geheimeGesell-
schaften“wurden,dassdie „Grundlage einerArtGefolgschaft“geschaffen
wurde und dass sich die einzelnenGesellschaften zu „religiösen Bruder-
schaften“, „SozialenKlubs“oder „Berufsverbänden“ entwickeln konnten,
dass es also zu einer Art Arbeitsteilung kam. (Weiser 1927, 24–25)
Demnach waren die Jünglingsweihen, das ergibt sich ausWeisers Aus-
100 NachdemWeiser klargestellt hat, dass es sich bei Jünglingsweihen vor allemum
religiöse undpsychischePhänomeneder Ekstase handelt, bringt sie verschiedene
BeispielevonStammesweihenausSibirien,Neuguinea,Afrika,vondenTungusen,
denBurjaten und den „Fitischi-Insulanern“ [!].Diese Beispiele, die sie allesamt
nichtmitQuellen versieht, zeigen, dass die Bezeichnung ,Tiefkulturvölker‘, ob-
wohl theoretischscheinbarwertfrei entworfen,dochnuraufbestimmteGegenden
undMenschen angewendetwird.
IV. LilyWeiser
(1898–1987)210
Germanistik in Wien
Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Titel
- Germanistik in Wien
- Untertitel
- Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privatdozentinnen (1897–1933)
- Autor
- Elisabeth Grabenweger
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-045927-2
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 290
- Schlagwörter
- German literary studies, literary text, history, first female scholars, Wiener Germanistik, Wissenschaftsgeschichte
- Kategorie
- Lehrbücher