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Hypothese.
engeren Sinne ist die H. die vorläufige Annahme der Gültigkeit eines
Ungewissen, allgemeinen Satzes, genauer: die Annahme eines
für eine Klasse von Vorgängen, der zwar nicht durch die Erfahrung
auch nicht denknotwendig ist, aber zur Ausfüllung der Lücken der
und zur Herstellung eines widerspruchslosen Zusammenhanges von
inhalten geeignet erscheint. Die H. setzt also etwas als Ursache, aus
sie eine Klasse von Erscheinungen ableitet, begreiflich macht. Ob die H. be-
rechtigt, richtig ist, zeigen die Konsequenzen, die sich aus ihr ergeben, die
währungen an der Erfahrung, das Ausbleiben von Widersprüchen mit
fahrungstatsachen und anerkannten Wahrheiten. Außerdem muß eine gute H.
möglichst einfach, ungezwungen, durch die Tatsachen selbst gefordert,
lichst fruchtbar (d. h. vieles erklärend) es darf ihr auch nicht eine
Tatsache widersprechen. Zwischen verschiedenen, sonst gleich brauchbaren
Hypothesen besteht oft ein Wettstreit, der meist mit dem Siege der
zweckmäßigen H. endet. Erweist sich im Fortgange der Forschung eine
die einzige, welche noch in Betracht kommen kann, so wird sie zur
(s. d.). Anderseits zeigt es sich, daß manche H. eigentlich nur eine
(s. d.) ist (vgl. VAIHINGER, Die Philos. des Als ob, 1911). Die H. ist ein un-
entbehrlicher Durchgangspunkt des Erkennens; nur vor allzu
unnützen, unzweckmäßigen Hypothesen hat sich die positive Wissenschaft zu
hüten. Auch die Philosophie kann der H. nicht entbehren. Die „Hypotheseo-
phobie" des Positivismus ist also nicht ganz berechtigt. —
(„working hypothesis", MAXWELL) ist eine H. nur zur Regelung und Er-
leichterung der Forschung, nicht als endgültige Auffassung der Wirklichkeit
(vgl. W. VOIGT, Arbeitshypothesen, 1905; vgl. Parallelismus).
Gegen die Aufstellung willkürlicher Hypothesen, aber nicht gegen die
überhaupt, erklären sich LOCKE (Essay concern. hum. understand. IV, K. 12,
§ 12), NEWTON („hypotheses non vgl. Philos. natural. sct. V) u.
Nach KANT ist H. eine Meinung, die mit dem Wirklichen und Gewissen
Erklärungsgrund in Verbindung gebracht ist. Zur Erklärung gegebener Er-
scheinungen können aber keine Gründe gesetzt werden, als solche,
„nach schon bekannnten Gesetzen der Erscheinungen mit den gegebenen in
Verknüpfung gesetzt werden". Zulässig sind also „transzendentale"
alle Erfahrung überschreitende, sondern nur
Hypothesen, d. h. solche, welche das Gebiet möglicher Erfahrung nicht
schreiten, nicht erfahrbare, unerkennbare Ursachen ersinnen. Reine Ver-
nunft bedient sich keiner Hypothese oder höchstens zu „praktischem
und zur Abwehr der Gegner (Krit. d. rein. Vern.: Die Disziplin d. rein.
Anseh. der vgl. Logik, S. 132 ff.). — Gegner der konstruktiven
Hypothesen sind COMTE (Cours de phüos. posit. I, II, 337 ff.), MACH,
Anhänger einer möglichst „hypothesenfreien ist (vgl. Erkenntnis-
u. Irrtum, 1906, S. 232), OSTWALD, nach welchem „nur die tatsächlich in den
darzustellenden Erscheinungen angetroffenen und nachgewiesenen Elemente" in
die Darstellung aufgenommen werden sollen, wodurch alle „anschaulichen
Hypothesen oder physikalischen Bilder" ausgeschlossen sind (Vorles. über*
1902, S. 213 f.); doch sind vorläufige Annahmen,
der direkten Erfahrung, zulässig (1. c. S. 399 f.). Nach
müssen die — viel Konventionelles, Willkürliches enthaltenden — Hypothesen
zweckmäßig, fruchtbar sein und durch die Erfahrung verifiziert werden (Science-
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Buch Handwörterbuch der Philosophie"
Handwörterbuch der Philosophie
- Titel
- Handwörterbuch der Philosophie
- Autor
- Rudolf Eisler
- Verlag
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Ort
- Berlin
- Datum
- 1913
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- Abmessungen
- 12.7 x 21.4 cm
- Seiten
- 807
- Schlagwörter
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Kategorie
- Geisteswissenschaften