Seite - 74 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
KolonialeBeschreibungskategorien fürBosnien-Herzegowina,
1878–1918
Ausder imvorangegangenenAbschnitt zusammengefasstenKurzphänomeno-
logiedesKolonialismusherauskönnenneunParameter formuliertwerden,die
esmeines Erachtens zulassen, Bosnien-Herzegowina als das einzige unter den
k.u.k.-Territorienanzusehen,dasunpolemischundohneallzuvielbegriffliche
Überspanntheit als Kolonie bezeichnet werden kann (wobei freilich auch zu
fragenwäre, obnicht auchdieosmanischeHerrschaft schongewissekoloniale
Zügeaufwies24):
(1.) Die militärische Landnahme nach einer Mandatszuweisung durch eine
internationale Konferenz, nämlich den Berliner Kongress 1878, ist zwei-
fellos eine wichtige Kategorie für eine historisch-sozialwissenschaftliche
Einschätzung des Status vonBosnien-Herzegowina; der sogenannte „Oc-
cupationsfeldzug“ wird aufgrund seiner Gewalttätigkeit gerne aus dem
Narrativ der „Friedens- undKulturmission“ herausredigiert,mit der das
Habsburger Reich gleichsam seine staatliche Idee exportiert.25Ähnliche
Besetzungsmodi kennzeichnen aber auch die koloniale Erwerbung von
,Schutzgebieten‘durchdie andereneuropäischenMächte etwa imGefolge
derKongo-KonferenzvonBerlin1884/85.26
(2.) DerrechtlicheStatusdesGebiets: Inseinenvier,kakanischen‘ Jahrzehnten
wurde Bosnien-Herzegowina nie ein Kronland (wie die regulären Be-
standteiledesReichs),sondernbliebReichsland(e)27(vergleichbarmitdem
Statutdes1871annektiertenElsaß-LothringenimdeutschenKaiserreich)–
eineArtAppendixderMonarchie, derkeinerderbeidenReichshäftenzu-
geschlagenwurde, sondern in einer komplizierten Konstruktion via das
Gemeinsame Finanzministerium zu beiden gehörte, was zur österrei-
chisch-ungarischen Konkurrenzsituation beitrug und die weitere Ent-
24 Vgl. Monika Albrecht, Comparative Postcolonial Studies. East-Central and Southeastern
EuropeasaPostcolonialSpace(UnveröffentlichterVortrag,gehaltenaufderTagungMemory
and Postcolonial Studies: Synergies andNewDirections an der University of Nottingham
(GB), 10.06.2016).
25 Vgl. Judson,TheHabsburgEmpire (wieAnm.12), S. 330: „Theeffective transmissionof a
civilizingmissiontoEurope’sEast,understoodineconomic,social, legal,andculturalterms,
represented the culminationof a transformedAustrian imperial ideawhose role nowoffi-
cially includedtheexportof itsworkbeyond itsownborders.“
26 Vgl.Fieldhouse,Colonialism1870–1945(wieAnm.18), S. 16ff.
27 DieserTerminuswirdhäufig inBezugaufBosnien-Herzegowinaverwendet, etwabeiMoriz
Graf Attems, Bosnien einst und jetzt, Wien 1913, S. 32; Rudolf Michel, Fahrten in den
Reichslanden.BilderundSkizzenausBosnienundderHercegovina,Wien1912.
ClemensRuthner74
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918