Seite - 103 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
dasMilitärgeneralgouvernement allerdings nicht an.Man setzte jedoch russi-
scheKriegsgefangeneein,umüberhauptFelderzubestellen.Selbstdasbliebein
TropfenaufdenheißenStein,eineeffizienteAusnutzungimangestrebtenSinne
warnichtmöglich.Erst imApril1916trafennichtmilitärischeFachleuteein,die
die Landwirtschaft organisierten. Die Maßnahmen waren einfach:materielle
AnreizeundGewaltandrohung.DieErfolgebeiderErnte1917bliebendennoch
denkbar schlecht, woraufhin erneut die Preise erhöht wurden – anstatt auf
härtereStrafenzusetzten, obwohl esnachwievoreineAblieferungsquotegab.
350MillionenKronen flossen bis Anfang 1918 nach Serbien zumZwecke des
Lebensmittelankaufs.DerErfolgwar zwiespältig, dennesunterblieb zwar eine
weitereHungersnot,aberProfiteurewarenvorallemdienunrelativgesehengut
gestelltenBauern,wohingegenderExport indieMonarchiegeringblieb.
Erwähnenswert ist ferner, dass sich dieArmee stetsüberdieHeimat stellte
und ihre eigeneVersorgung als vielwichtiger ansah, selbst gegen andereAuf-
fassungen inWien.11Voneiner Integration indenGesamtverbunddes Imperi-
ums konnte bei diesemVorgehen nicht die Rede sein; selbst unter Auspizien
einerPolitikderDifferenzgaltSerbiennichtalsTeildesReichs.DieOkkupation
dientehierganzalleinedemZweck,einenKriegsgegnerauszuschaltenundsich,
solange die Besatzung erfolgte, ganz traditionell aus dem Land zu ernähren.
DeshalbgabesauchkeineNationalitätenpolitik, sonderndasgenaueGegenteil
davon: Einen rückwärtsgewandten bürokratischenAbsolutismus, wie ihn das
ImperiumderHabsburger seit dem18. Jahrhundert kannte undwie er in den
frühenRegierungsjahrenvonFranz Joseph eine Erneuerung gefundenhatte.12
DieArmeegeriertesichalsoalsAlleinherrscherin in ihremImperium–dasdie
Doppelmonarchie indieserFormgarnichtmehrdarstellte.
Am Ende lief das alles auf eine doch recht basale Funktionalisierung des
eroberten Landes als Lebensmittellieferant hinaus – diemit finanziellen Ver-
lusten einherging. Sie steht außerdemder häufig postulierten, aber selten be-
legtenBehauptungentgegen,wonachsich imKriegquasi-kolonialePhantasien
rassischerÜberlegenheit Bahn brachen. Jonathan Gumz hat überzeugend ar-
gumentiert, dass der Referenzrahmen der k.u.k.-Armee nicht Kolonialismus
war,unddasssieSerbienzwargrundsätzlichirgendwannins–multinationale–
Imperiumeingliedern, es abernichtumformenund ineinenkolonialenVasal-
lenstaat verwandeln wollte. Die Besatzung sollte, wie der Krieg, auf eine be-
11 Gumz, The Resurrection and Collapse of Empire in Habsburg Serbia (wie Anm.10),
S. 160–170.
12 Vgl. zuletzt etwa denÜberblick beiHans-HinrichBrandt (Hg.), DerösterreichischeNeo-
absolutismusalsVerfassungs-undVerwaltungsproblem.Diskussionenübereinenstrittigen
Epochenbegriff (Veröffentlichungen der Kommission für Neuere GeschichteÖsterreichs,
108),Wien2014; sieheaußerdemLotharHöbelt,FranzJosephI.DerKaiserundseinReich.
EinepolitischeGeschichte,Wien2009.
EinEndemitExpansion 103
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918