Seite - 114 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
Bild der Seite - 114 -
Text der Seite - 114 -
© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
mit Russland nur wenig Kompensation für die Rückgabe des Landes fordern
könne;dessenwirtschaftlicherWert sei schlicht zugering.
Dieses Fazit ist aus zweierleiGründenbemerkenswert: Zumeinen,weil Bo-
schanaufdas eroberteGebiet nur in reinökonomischerHinsichtblickte.Zum
anderen,weil er selbstnachzwei JahrenKriegnichtdavonausging, esbehalten
zu können – oder auch nur zuwollen. DieDominanz derÖkonomie steht so
gegen die Entwicklungen des k.u.k.-Imperialismus nach 1908, der vor allem
vonmilitärstrategischenVorstellungen geprägt war und die bis dato präsente
WirtschaftmehrundmehrindenHintergrunddrängte.51AberdieResultateder
Okkupationenbliebenhöchstenttäuschendundweithinterdenoptimistischen
Erwartungenzurück.Wirtschaftspolitik zeigte sichals eineArt trial anderror,
bei der gleiche Versuche und Fehler in verschiedenen Gebieten wiederholt
wurden. Der Grund dafür war zunächst die übersteigerte, unrealistische Er-
wartungshaltung, die mit ,Prinzip Hoffnung‘ treffend zu charakterisieren ist.
DarüberhinauswarendieMilitärs(undnursieverantwortetendieBesatzungen)
mit einer effektivenOrganisationüberfordert – aberdas gilt fürDeutschlands
Okkupationen genauso, und es gilt auch für die heimischenÖkonomien. Die
Idee einer vollständigen Lenkung von Volkswirtschaften entstand zwar im
ErstenWeltkriegunderwies sichals enormwirkmächtig,52 entbehrte aber em-
pirischer Erfolge.DieVorkriegsproduktion, diewohl der einzig sinnvolleVer-
gleichsmaßstab für ,Effizienz‘ ist,wurdeweder inderHeimatnoch indenOk-
kupationsgebietenerreicht.
Selbstverständlich kann es keine ,optimale‘ Okkupation geben,weil die In-
teressenderBesetztenundderBesatzerzuwiderlaufenunddieAusbalancierung
immer einen Kompromiss bedeutet – was alleine vielleicht einem Optimum
nahekäme. Tatsächlich aber gab es auch keine spezifische k.u.k.-Art der Be-
satzung,jedenfallsnicht,wennmandieDoppelmonarchiederVorkriegszeitund
ihren Umgang mit ihren verschiedenen Völkern zugrunde legt:Österreich-
UngarnsVorgehennach1914ähneltevielmehrdemderDeutschen.Langfristige
imperialeAbsichtenstanden ineinemKonfliktverhältnismitdenkurzfristigen
Kriegsnotwendigkeiten. Letztere wurden zudem durch das Völkerrecht be-
grenzt.Undweil derDenkhorizont ganz anderswar als imZweitenWeltkrieg,
unterbliebexzessiveMassengewaltgegenZivilisten.DieFrage,obRadikalitätzu
51 Evelyn Kolm, Die AmbitionenÖsterreich-Ungarns im Zeitalter des Hochimperialismus
(EuropäischeHochschulschriften. Reihe 3,Geschichte und ihreHilfswissenschaften, 900),
Frankfurt amMain2001,S. 305.
52 WernerPlumpe,ÖkonomischeKrisenundpolitischeStabilität inderModerne, in:Dariusz
Adamczyk/StephanLehnstaedt(Hg.),WirtschaftskrisenalsWendepunkte.Ursachen,Folgen
undhistorischeEinordnungenvomMittelalterbiszurGegenwart(Einzelveröffentlichungen
desDeutschenHistorischenInstitutsWarschau,33),Osnabrück2015,S. 25–47,hierS. 31f.
StephanLehnstaedt114
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Titel
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Untertitel
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Autoren
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Verlag
- V&R unipress GmbH
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Abmessungen
- 15.5 x 23.2 cm
- Seiten
- 362
- Schlagwörter
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918