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180 7 Sport in den Medien
onalismusbefindlichenWienerFußballkulturzuverstehen. InderFolgegilt es
nachzuprüfen, ob sich diese „neutrale“ Position,mithin derVersuch, jegliche
jüdischeDifferenzzumindest literarischauszublenden,auch inderCharakteri-
sierungvonEinzelpersonen,vonStarsdesSportsoderLenkerndersportlichen
Rahmenbedingungen,nachzeichnen lässt.
Schon in seinenReminiszenzenandieAnfängedesFußballs inWienver-
gisst Emil Reich nicht implizit auf den Beitrag von Juden in der Etablierung
des Sports hinzuweisen,weder auf dieMithilfe desNathaniel Rothschild, der,
weil es ohne sein aktives Zutun geschah, als „illegitimer Vater“ des Spiels in
Wien apostrophiert wird,61 noch auf dieMitwirkung jüdischer Industrieller in
denersteneinheimischenTeams,wobei erbesondersaufden„Großindustriel-
le[n] AugustWärndorfer […] in denReihen der Vienna“ verwies.62 Doch auch
in seinem Lob auf das Mäzenatentum, das Reich zur unverzichtbaren Stütze
des Erstliga-wie des unterklassigen Fußballs inWien stilisierte, kamer ohne
jede (anti-)jüdischeAnspielungaus.63Erunterschiedgrundsätzlich inPseudo-
mäzene,dieaus ihrer finanziellenFörderungProfit schlagenwollten,undech-
teFußballenthusiastenund„Klubkavaliere“,denenerdifferenteBeweggründe
unterstellte:
„Die einenopfern als alte Fußballer aus reiner Sportbegeisterungoder aus Liebe zudem
Klub, dessenAnhänger sie schon seit vielen Jahren sind, die anderen aus Eitelkeit, weil
sie eine Rolle spielen, imVordergrund stehen, Reden halten und in Zeitungen genannt
sein wollen, wieder andere, weil sie mit irgendeinem hervorragenden Spieler verwandt
oder verschwägert sind.“64
AlledreiGruppenseien jedenfalls, sofern sie sichnicht ins Tagesgeschäft ein-
mischten, für den Fußball unverzichtbar. Den Pseudomäzen hingegen, egal
ob er er „Huber oder Kohn“ heiße, der seine Unterstützung finanziell wieder
hereinbekommenwolle, traf Emil Reichs volle Verachtung: Diese „Schieber“,
denenesumAufmerksamkeitundumProfit gehe,müsstenspätestens impro-
fessionellenFußballausdenKlubsentferntwerden.65WodieGrenzezwischen
denbeidenGruppenvonMäzenen zu ziehenwar, das konnteReich inmehre-
renArtikeln freilichnicht klar darlegen.
61 EmilReich,Rothschild,der illegitimeVaterdesWienerFußballs. In:NeuesWiener Journal
(12. 11. 1922) 8.
62 EmilReich, Der rasche Siegeszug des Fußballs inWien. In: NeuesWiener Journal (19. 11.
1922) 8f.
63 EmilReich, Der Fußballmäzen. In:NeuesWiener Journal (16.3. 1924) 17.
64 EmilReich, Fußballmäzene. In:NeuesWiener Journal (23. 5. 1925) 19.
65 EmilReich, Fußball-Schieberdämmerung. In:NeuesWiener Journal (25. 1. 1925) 17.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918