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Case Study: Wie Julius Deutsch vor Gericht seine Ehre verlor 199
DieVerhöhnungdesalsTell verkleidetenDeutschverweist auf einen fürunser
Buch zentralenAspekt des Prozesses: Dieser fand,wie erwähnt, in einem für
Deutsch feindlichen Territorium statt, zu einer Zeit, als in zahlreichen west-
österreichischen Fremdenverkehrsgemeinden der „Sommerfrischenantisemi-
tismus“ erste Höhepunkte erreichte.71 Folgerichtig wurde der Schauplatz des
Zwischenfalls, der Strudengau, von der Verteidigung als deutsches Kernland
beschrieben. „Dr. Gürtler erinnerte daran, daß das Nibelungenlied die deut-
sche Treue verherrlicht undman es dem Beschuldigten nicht verargen darf,
wenneramNibelungenstromdenVerrat andeutscherTreuealsSchufterei be-
zeichne.“72
ImHinblick auf die Frage von Identitätspolitik und jüdischerDifferenz im
Wiener Sport lässt sich festhalten:DieAuseinandersetzung zwischenDeutsch
und seinen Kontrahenten und die beiden folgenden Gerichtsverhandlungen
machtendeutlich,dassdieösterreichischenBerg-undTourismusregionen,wie
Deutsch inseinenTextenzumSport selbst festhielt, inden1920er-und1930er-
Jahren ein zutiefst politisierter Ort waren. Als Wiener Sozialdemokrat setzte
sichDeutsch indieser latent feindlichenUmgebungderGefahraus, gegensei-
nenWillenals „jüdischerMarxist“ angegriffenund„enttarnt“ zuwerden.
Anders als vieleVertreterdesbürgerlichenSports, deren Judentumgerade
in jenen Vereinen, die in der kulturellen Topografie desWiener Sports nicht
als „jüdisch“ identifiziertwurdenundals „bodenständig“galten,diskursivoft
zumVerschwindengebrachtwurde, befand sichDeutsch in seinemSelbstent-
wurf als Sozialdemokrat, der sich von der jüdischen Familientradition gelöst
hatte, auch imFelddesSportsundder alpinenFreizeitkultur in einemDouble
Bind seiner laizistischen Ideologie, die FragenderReligionundHerkunft aus-
klammerte,unddemantisemitischenStereotypder„jüdischenSozialdemokra-
tie“.
71 In den 1920er- und 1930er-Jahren warben mindestens 60 österreichische Orte mit der
„Ablehnung jüdischer Sommergäste“, Oberösterreich bildete dabei ein Zentrum. Vgl. Albert
Lichtblau, Ambivalenzender Faszination: Sommerfrische&Berge. In:Hanno Loewy,Gerhard
Milchram (Hg.), Hast dumeineAlpen gesehen?Eine jüdischeBeziehungsgeschichte (Ausstel-
lungskatalog,Hohenems 2009) 116–130, hier 121f.
72 Reichspost (12.6. 1923) 7.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918