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Publikumsausschreitungen 207
Sport-Club zu belegen, werden primär zwei Spiele vom November 1923 und
vomMärz 1927 genannt.106 Anhand der Diskurse umdiese Spiele lassen sich
Fragen von jüdischer Differenz im Wiener Fußball, Wechselwirkungen zwi-
schen politischen und sportlichen Auseinandersetzungen, aber auch unter-
schiedlicheKonfliktlinienbzw.Motivlagender beteiligtenKontrahentennach-
zeichnen.
Das Jahr 1923war eine politisch aufgeheizte Phase, in der antisemitische
Tendenzen inWienmassivanRaumgewannen.DieausderKriegs-undNach-
kriegszeit bzw. Inflationsära stammendenZuschreibungen („JüdischeSchieber
undSpekulanten“)warennochfrisch,dasLandbefandsich inderTransitions-
phase im Rahmen der Genfer Protokolle, hin zur Einführung der Schilling-
Währung. Im Oktober 1923 fanden Nationalratswahlen sowie Landtags- und
Gemeinderatswahlen inWienstatt,beidenendieantisemitischenChristlichso-
zialen, aber auch die Sozialdemokraten Stimmen gewannen, während die
Großdeutsche Volkspartei relativ schlecht abschnitt. Ein Ergebnis war die
Gründung der Deutschnationalen Partei, die radikalen Antisemitismus als
zentralenPunkt ihresProgrammes führte. „Die Judenfrage istkeineReligions-,
sondern eine Rassenfrage […] Das Judentummuß außerhalb der deutschen
Volksgemeinschaft und unter Ausnahmegesetze gestellt werden.“107 Auch in
der Sportorganisation spielte derAntisemitismusbereits eine großeRolle. Der
Österreichische Skiverband führte imOktober 1923 einenArierparagrafen ein,
imAlpenvereinhatten ihnbereits zahlreicheSektioneneingeführt,dieDiskus-
sionumeineEinführung imGesamtvereinwar imGange.108
Indieser Stimmung fandeinSpiel zwischenSport-ClubundHakoah statt,
dasdie IllustrierteKronen-Zeitungsokommentierte:„DasWettspiel,das traditi-
onsgemäßzudenfairstenderSaisongehört fanddiesmaleinvorzeitiges,uner-
quickliches Ende.“109 Das Spiel wurde abgebrochen, weil sich zwei ausge-
schlossene Hakoah-Spieler weigerten, das Spielfeld zu verlassen.110 Aus der
LektürederdiversenMedienberichte liegtderSchlussnahe,dassderSpielver-
laufselbstAuslöserderZwischenfällewar.DochmöglicherweisehattediePoli-
tikdieAktionenderZuschauerInnenverstärkt,undsicherhattesiedieBericht-
erstattung beeinflusst, vor allem in den antisemitischen und zionistischen
106 MichaelAlmási-Szabò,VonDornbach indieganzeWelt.DieGeschichtedesWienerSport-
Clubs (Wien 2010) 40; John, Antisemitismus, 207.
107 ÖStA/AdRBKABKA-I/BPDionWienBerichte, 1919–1938/November 1923/Deutschnationa-
le Partei.Wien, imNovember 1923.Abschrift.
108 ZudenArierparagrafenvgl. Kapitel 2.
109 IllustrierteKronen-Zeitung (5. 11. 1923) 10.
110 Illustriertes Sportblatt (10. 10. 1923) 8.
Sportfunktionäre und jüdische Differenz
Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Titel
- Sportfunktionäre und jüdische Differenz
- Untertitel
- Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938
- Autoren
- Bernhard Hachleitner
- Matthias Marschik
- Georg Spitaler
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Ort
- Berlin
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-055331-4
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 376
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918