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274 | Empirische Analysen
Der Konjunktiv II kann im Bairischen (v.a. bei starken Verben) mit Ablaut gebil-
det werden (z.B. i gab; vgl. Zehetner 1977: 117; Wiesinger 1989: 56) â Merkle
(1993: 70) zufolge hat sein Vorkommen in den vergangenen Jahrzehnten jedoch
stetig abgenommen.339 Eine weitere Möglichkeit der synthetischen Bildung des
Konjunktivs II im Bairischen besteht im Gebrauch des konjunktivischen Infixes
-at, das auf den PrÀsensstamm (seltener auch den PrÀteritumstamm) folgt,340
und mit der jeweiligen Personalendung versehen wird (z.B: i gebat bzw. gabat,
se gebatn bzw. gabatn). Neben der auch in gesprochener standardnaher Kom-
munikation hÀufig vorkommenden analytischen Konjunktivbildung mittels
wĂŒrd- + Infinitiv (z.B. i wĂŒrd geben) ist in den bairischen Dialekten die Konjunk-
tivbildung mittels tun-Periphrase tat- + Infinitiv als weiterer analytischer
Formtyp weit verbreitet (z.B. i tat geben) (vgl. Fischer 2001: 143). Wenn auch in
informeller spontaner mĂŒndlicher Kommunikation eher unwahrscheinlich,341 so
steht den Bairischsprecher/-innen darĂŒber hinaus der synthetische Konjunktiv
II der Standardsprache (z.B. ich gĂ€be) als weitere Variante zur VerfĂŒgung.
Regional eingeschrÀnkt findet sich daneben noch eine weitere analytische
Variante im Bairischen, nÀmlich eine Kombination des analytischen tÀte-
Konjunktiv, dem Infix -at gemeinsam mit der jeweiligen Personalendung und
dem anschlieĂenden Infinitiv des Vollverbs (z.B. i tatat geben). In Bezug auf die
zu untersuchende Osttiroler Freizeit-kommunikation kann dieser Formtyp je-
doch ausgeblendet werden, da hier keine Beispiele fĂŒr diese Variante belegt
sind.342
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339 Merkle (1993) bietet eine umfassendere Aufstellung der starken Verben mit Ablaut-
Konjunktiv im Bairischen (z.B. essen â i aaĂ, gehen â i gang, nehmen â i nahm(p)) und ihrer
Entsprechungen in der schwachen (i essad, gÀad, nehmad) und gemischten Konjunktiv-II-
Bildung (i aaĂad, gangad, nahmad).
340 Einige ablautende Verben weisen das Infix -at- sowohl an den PrÀsens- als auch an den
PrÀteritumstamm angehÀngt auf (z.B. i gebat/gabat oder kennat/kannat 'könnte', vgl. Zehetner
1985: 103).
341 Davon auszunehmen sind GesprÀchssequenzen, in denen die Sprecher/-innen anhand
von verfremdenden (Quasi)-Zitaten ihnen bekannte Personen imitieren bzw. parodieren. In
diesen Redeteilen können sehr wohl (in Kombination mit Code-Switching in die Standardvarie-
tĂ€t) ĂuĂerungen mit der synthetischen Standardvariante vorkommen. Zu diesem âSpiel mit
fremden Stimmenâ vgl. u.a. Schwitalla (1988), Androutsopoulos/Spreckels (2010) sowie
Schwitalla (2010). NÀhere Analysen zu GesprÀchssequenzen mit zitierter bzw. animierter Rede
in der Osttiroler Freizeitkommunikation finden sich auch in Kapitel 4.4.3.
342 Diese Variante der Konjunktiv-II-Bildung im Bairischen wird mitunter auch in humoristi-
schen Kontexten thematisiert, etwa wenn sich der bayerische Musikkabarettist Jörg Maurer
damit auseinandersetzt: âMia tataten jetzt gehen. â heisst âWir gehen jetzt ganz bestimmtâ.
Dagegen ist âMia gehen jetztâ geradezu eine halbherzige Willensbekundung. Ja, was soll ich
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Buch Jugendkommunikation und Dialekt - Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol"
Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Titel
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Untertitel
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Autor
- Melanie Lenzhofer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Abmessungen
- 14.8 x 22.0 cm
- Seiten
- 502
- Kategorie
- Geographie, Land und Leute