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4.3.2.4 Fazit
Bei der tun-Periphrase handelt es sich um eine klammerbildende Konstruktion
der deutschen Sprache, die in der Öffentlichkeit und in Bildungsinstitutionen
meist auf Ablehnung stößt. Diese Stigmatisierung bezieht sich v.a. auf auxilia-
res tun mit nachgestelltem Infinitiv (z.B. Er tut gerade lesen.), während tun-
Periphrasen mit vorangestelltem Infinitiv im Vorfeld (häufig mit Kontrastfunk-
tion, z.B.: Lesen tut er ja, aber schreiben nicht.) auch aus normgramma-tischer
Perspektive anerkannt sind (vgl. z.B. Duden für „Richtiges und gutes Deutsch“
2011: 907). In Bezug auf die hier untersuchte Osttiroler Freizeitkommunikation
wurde v.a. erstere, nicht standardgrammatisch akzeptierte Form der tun-
Periphrase fokussiert, und zwar hinsichtlich ihres Vorkommens im Indikativ
und im Konjunktiv II, wobei tät- + Infinitiv anderen Varianten der Konjunktiv-
II-Bildung im Bairischen gegenübergestellt wurde.
Auf Basis der Fachliteratur wurden die formalen Charakteristika auxiliaren
Tuns im Indikativ sowie der Konjunktiv-II-Bildung im Bairischen zusammenge-
fasst (vgl. Kapitel 4.3.2.1.). Darauf aufbauend wurde eine Frequenzanalyse (vgl.
Kapitel 4.3.2.2.) durchgeführt, die zunächst das Vorkommen von tun-
Periphrasen im Indikativ und Konjunktiv in den drei Teilkorpora JD, ED und GF
in den Blick nahm und sich anschließend auf den Vergleich der Altersgruppen
konzentrierte. Hier überraschte zunächst, dass in Teilkorpus GF keinerlei tun-
Periphrasen belegt sind und auch in den beiden dialektal geprägten Teilkorpora
in Relation zu den jeweiligen Vergleichsgrößen der Grundgesamtheit (Gesamt-
zahl der kanonisch geschriebensprachlichen Sätze (KS) bzw. Gesamtzahl der
möglichen Sätze (MS)) relativ selten vorkommen. In der Analyse der insgesamt
155 Belege für auxiliare tun-Konstruktionen brachte v.a. die Ausdifferenzierung
hinsichtlich des Verbmodus einen interessanten Unterschied zutage: In den
Gesprächen der jugendlichen Osttiroler/-innen sind deutlich mehr tun-
Periphrasen im Konjunktiv II belegt als in jenen der erwachsenen Proband/-
innen.
In der Detail-Analyse der belegten Äußerungen mit Konjunktiv-II-Formen
zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den drei Teilkorpora JD, ED und
GF. Während im Korpus mit den standardnahen Fernsehgesprächen nur zwei
Konjunktiv-Varianten belegt sind (nämlich analytisch würd- + Infinitiv: rund
69%; synthetisch standardsprachlich: rund 31%), ist die Variabilität hinsicht-
lich der Konjunktivbildung in den beiden Dialektkorpora JD und ED viel stärker
ausgeprägt. In den diskursiven Daten aus Osttirol finden sich dialektale Kon-
junktiv-II-Formen (synthetisch mit Ablaut; synthetisch mit Infix -at; analytisch
tat- + Infinitiv), doch auch der würde-Konjunktiv ist in der Osttiroler Freizeit-
kommunikation belegt. Der in der allgemeinen Analyse der tun-Periphrasen
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Titel
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Untertitel
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Autor
- Melanie Lenzhofer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Abmessungen
- 14.8 x 22.0 cm
- Seiten
- 502
- Kategorie
- Geographie, Land und Leute