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schen Eigenschaft als Frage-Element einer Ergänzungsfrage wird ein bestimm-
tes Wissensdefizit zum Ausdruck gebracht (nämlich, welche Schulstufe der
gemeinsame Bekannte besucht). Die Richtungskodierung wird dagegen bereits
durch das direktionale Verb gehen zum Ausdruck gebracht – die lokale Präposi-
tion in entfallen zu lassen, ist daher deutlich weniger verständnisgefährdend
und dadurch wahrscheinlicher als das Interrogativpronomen welche nicht zu
realisieren. Diese Beobachtung stützt Siegels Feststellung, dass „die jugendli-
chen Sprecher präpositionslose Strukturen weder willkürlich noch unsystema-
tisch [verwenden]“ (Siegel 2014: 91).
Auch hinsichtlich der syntaktisch-funktionalen Beschreibung decken sich
die in Bezug auf Teilkorpus JD und ED gemachten Beobachtungen mit jenen von
Wiese (2012: 5657), Auer (2013b: 31), Siegel (2014: 7778), und auch mit den Be-
obachtungen, die Ivušić (2011: 86) bezüglich Jugendlicher in Hallein (Salzburg)
angestellt hat: Die Autor/-innen stellen fest, dass in den meisten Äußerungen,
die eine Variabilität hinsichtlich des Präpositionsgebrauchs aufweisen, dies in
Bezug auf Ortsangaben mit lokaler (z.B. Wir waren letztens Schischabar. – Siegel
2014: 77)) oder direktionaler Kodierung (z.B. gehen sie Ø andere Stadtteil – Sie-
gel 2014: 77)) geschieht, seltener ist sie auch bei Temporaladverbialen (z.B. Ich
werde Ø zweiter Mai fünfzehn. – Wiese 2012: 57)) zu beobachten.427
Neben den bei Siegel erwähnten semantisch ambigen428 Temporaladverbia-
len des Typs „das hatten wir fünfte Klasse“ finden sich in den Teilkopora JD und
ED auch Belege für semantisch eindeutig als Temporaladverbiale zu klassifizie-
rende Äußerungen, z.B.:
||
427 Siegel (2014) bestimmt die Satzgliedfunktion der präpositionslosen Phrasen in ihrem
Korpus und kommt zu dem Ergebnis, dass es sich bei 41% der präpositionslosen Phrasen um
Lokaladverbiale, bei 35% um direktionale Phrasen und bei nur 9% um Temporaladverbiale
handelt. In Bezug auf die dialektal geprägten Osttiroler Korpora JD und ED ist allerdings fest-
zuhalten, dass die überwiegende Mehrzahl der präpositionslosen Konstruktionen nicht lokale,
sondern direktionale Phrasen sind. Ähnlich wie bei Siegel ist das Nicht-Realisieren der Präposi-
tion in Temporaladverbialen ebenfalls relativ selten zu belegen. Vereinzelt finden sich Belege,
die weder Orts- noch Zeitangaben betreffen, z.B. ED 6, Z. 1113: und aa so ähm:: (--) photovolTAik
hom ma eben !AA! gered - 'Und auch so ähm [über] Photovoltaik haben wir eben auch geredet.'
428 Eine Äußerung wie "Er geht [in die] fünfte Klasse" ist insofern semantisch ambig, da sie
sowohl eine räumliche als auch eine zeitliche Lesart ermöglicht. Siegel spricht in diesem Zu-
sammenhang von einem "Time-is-Space"-Prinzip: „Überdies liegt temporalen Phrasen das
‚Time-is-Space-Prinzip‘ zu Grunde: Wegen ihrer metaphorischen Nähe zu Raumangaben be-
steht für die Jugendlichen auch bei temporalen Phrasen die Option, eine Präposition nicht zu
setzen“ (Siegel 2014: 87).
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Titel
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Untertitel
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Autor
- Melanie Lenzhofer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Abmessungen
- 14.8 x 22.0 cm
- Seiten
- 502
- Kategorie
- Geographie, Land und Leute