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deren Bedeutung er zwar nicht leugnete, die für ihn aber lediglich die Aus-
gangsbasis, und nicht den äußersten Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung
darstellte.
In diesem Zusammenhang soll auch noch kurz Raimanns Verhältnis zur
Physiognomik und Phrenologie angesprochen werden. Raimann spricht im-
merhin von bei der männlichen Bevölkerung der istrischen Küstenregionen
anzutreffender „ausdrucksvoller u Verstand andeutender Gesichtsbildung“,
und er stellt fest, dass die istrischen und friulanischen Frauen gleichmäßigere
Gesichtszüge aufwiesen als die Frauen von Belluno. Hier mag seine grund-
sätzliche Überzeugung zum Ausdruck kommen, dass sich der Geist eines
Menschen in seinem Antlitz widerspiegeln könne. Raimann scheint damit
Ansichten geteilt zu haben, die im 18. und 19. Jahrhundert weit verbreitet
waren. Mit einer charakterologischen Anthropologie, wie sie Johann Caspar
Lavater betrieb,232 oder mit einer Organologie oder Phrenologie, wie sie von
Franz Joseph Gall entwickelt wurde,233 und mit den im Anschluss an diese
Theorien entstandenen Strömungen der Physiognomik, die Paul Collins zu-
sammenfassend und sehr treffend als „some strange German theories about
how the shape of one’s head determined behavior“ bezeichnet,234 haben sol-
che allgemeinen Zusammenhänge zwischen Gesichtsausdruck und Charak-
ter, wie Raimann sie formulierte, kaum etwas gemein. Raimann wirkte zwar
in einer Zeit, da Phrenologie und Physiognomik keine geringe Anhänger-
schaft zählten, er war aber offensichtlich kein Anhänger von Lehren, die
bestimmte Charaktereigenschaften an die Form und Größe bestimmter Schä-
delpartien unlöslich gebunden sah. Einem Arzt, der an die ‚Veredelung‘ von
Menschen durch Erziehung und Bildung glaubt, steht es auch nicht gut an,
232 Zu den Theorien Lavaters vgl. Anne-Marie Jaton, Johann Caspar Lavater. Philosoph,
Gottesmann, Schöpfer der Physiognomik. Eine Bildbiographie (Zürich 1988); Melissa
Percival, Graeme Tytler (Hrsg.), Physiognomy in Profile. Lavaters Impact on European
Culture (Newark 2005). Zur Physiognomik allgemein vgl. Theile, Anthropometrie.
233 Zu Galls Schädellehre vgl. Olaf Breidbach, Die Materialisierung des Ichs. Zur Ge-
schichte der Hirnforschung im 19. und 20. Jahrhundert (Frankfurt/Main 1997), S. 65-90;
Sigrid Öhler-Klein, Die Schädellehre Franz Joseph Galls in Literatur und Kritik des 19.
Jahrhunderts. Zur Rezeptionsgeschichte einer medizinisch-biologisch begründeten Theo-
rie der Physiognomik und Psychologie (Stuttgart 1990); Erhard Oeser, Geschichte der
Hirnforschung. Von der Antike bis zur Gegenwart (Darmstadt 2002), S. 110-136. Vor
allem in den USA war die Phrenologie im 19. Jahrhundert sehr beliebt; vgl. dazu Paul
Collins, The Trouble with Tom. The Strange Afterlife and Times of Thomas Paine (Lon-
don 2006), S. 85-108.
234 Collins, The Trouble with Tom., S. 73.
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Johann Nepomuk Raimanns Reise mit Kaiser Franz I. im Jahre 1832