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FELIX EKARDT
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Bereich des ›guten Lebens‹ abstinente Politik auch nicht. Auch im Strafrecht
ist der Tätervorsatz als ›innere Einstellung‹ nur insoweit relevant, als er wei-
tere Straftaten einfach wahrscheinlicher macht. Die Integrationspolitik in plu-
ralistischen Gesellschaften muss darum der skizzierten liberalen Linie folgen,
was z.B. bedeuten würde: sprachliche Freiheitsvoraussetzungen, die Fähigkeit
zu denken und selbständig dazuzulernen dürfen und müssen vermittelt wer-
den, ebenso wie die Gründe für die Freiheit. Aber eine innere Neigung zu
einer freiheitlichen Ordnung, die unterschiedliche Glückswege toleriert, kann
man nicht mit Gewissheit planen und dies wäre auch wie eine ›Leitkultur‹ ein
Übergriff ins ›gute Leben‹, abgesehen vom darin implizierten latenten Kol-
lektivismus. Diesem inhaltlichen Anliegen kann man freilich nicht durch ein
Ausweichen auf einen Symbolstreit ausweichen; nicht Kopftücher als solche
sind das Problem.
Liberale Ordnungen und eine freiheitliche Weltgesellschaft, die nicht
mehr zur ethnischen und kulturellen Homogenität zurück kann, sind nur mög-
lich, wenn eine große Zahl von Menschen bereit ist, diese Pluralität auszu-
halten und eine innere Bejahung der Autonomie zu entwickeln. Doch erzwin-
gen kann der freiheitliche Staat diese Toleranz als innere Einstellung allen-
falls mit Mitteln, die genau das zerstören würden, was ihn ausmacht: seine
Freiheitlichkeit. Die Möglichkeit einer – für die langfristige Erhaltung auch
des Sozialstaats und der natürlichen Lebensgrundlagen unabdingbaren –
handlungsfähigen und dabei pluralistischen Weltgesellschaft wird deshalb
auch davon abhängen, ob alle Menschen und Kulturen dieser Welt das nötige
Maß an Verfassungspatriotismus und Toleranz freiwillig aufzubringen in der
Lage sind. Doch sollte man nicht zu pessimistisch sein. Eine gute Verfassung
konstituiert und integriert die Gesellschaft, sie legitimiert und begrenzt die
Politik. Nur wer sich selbst akzeptiert, wird auch von anderen akzeptiert wer-
den, auch interkulturell: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.
Momentan dominiert dagegen ein postmodernes Freiheitsverständnis,
welches die Freiheit im Verein mit dem Wirtschaftsliberalismus zur ›Wild-
westfreiheit‹ degeneriert – und damit neben Ungerechtigkeit auch Unglück
stiftet, indem ein allgemeines Sinnlosigkeitsempfinden begünstigt wird. Doch
die wohlfeile Forderung, der Jugend wieder kulturelle Werte zu vermitteln,
wird hiergegen nicht helfen, sondern verkörpert einfach nur die andere Seite
der ›doppelten Freiheitsgefährdung‹ (wirtschaftsliberal/postmoderne Frei-
heitshypostasierung versus paternalistische Freiheitsbeschränkung): Kontex-
tualistische Ansätze sind letztlich untaugliche Versuche, in einer beunruhi-
gend unsicheren globalisierten Welt künstliche Anker durch Dogmatisierung
umfassender Annahmen zu werfen. Und dem gleichen Dogmatismus huldigt
kurioser Weise auch ein skeptizistisch orientierter Mensch, nur in umge-
kehrter Form. Der Skeptizismus – ob nun der postmoderne oder der wirt-
schaftsliberale – ist eben auch eine Flucht vor eigenständiger Entscheidung
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik