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DAS KOPFTUCH ALS DAS ANDERE
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mischen Raums Ende des 19. Jahrhunderts wird die Frauenfrage und insbe-
sondere das Kopftuch zum »centerpiece of the Western narrative of Islam«
(Ahmed 1992: 150). Die koloniale Kernthese dieses qualitativ neuen Islam-
diskurses lautete: Dem Islam sei die Frauenunterdrückung inhärent und der
Schleier und andere unterdrückende Bräuche seien für die Rückständigkeit
islamischer Gesellschaften verantwortlich. Demnach symbolisierte der Schlei-
er als das sichtbarste Zeichen die Unterdrückung der orientalischen Frau und
damit die ontologische Differenz und Unterlegenheit islamischer Gesell-
schaften. Folglich wurde der Reform der Kleidung muslimischer Frauen, be-
sonders von Schleier und Kopftuch, eine zentrale zivilisatorische Funktion zu-
gewiesen: »[C]hanging customs regarding women and changing their co-
stume, abolishing the veil in particular, were key […] to bringing about
desired general social transformation« (Ahmed 1992: 145). Erst im Rahmen
dieser Instrumentalisierung, so Ahmed, hat die Frauenfrage in den arabisch-
sprachigen Raum Eingang gefunden. Somit wurde das Kopftuch als politi-
sches Symbol festgeschrieben und als sichtbares Zeichen für den kolonialen
Blick ein Punkt der Fixierung.
Für die Befreiung der kolonialisierten verschleierten Frau war die vikto-
rianische Weiblichkeit Ideal und Maß – die europäische Frau wurde als das
Gegenbild der unterdrückten muslimischen Frau festgeschrieben. In diesem
Kontext diente die feministische Sprache der Kolonialisierung, um über die-
sen Weg die orientalischen Männer zu beherrschen. Denn in der Rhetorik des
›Kolonialfeminismus‹ waren die kolonialisierten Männer für die Unterdrü-
ckung ihrer Frauen und folglich für die degenerierte orientalische Kultur ver-
antwortlich. Gayatri Spivak kennzeichnet diese Praxis als eine koloniale Kon-
stante: »[W]hite men are saving brown women from brown men« (Spivak
1988: 294).
Dass die Befreiung der muslimischen Frau durch eine Zwangsent-
schleierung als Regulierungstechnik zur Durchdringung und Stabilisierung
der kolonialen Herrschaft diente, wird nicht zuletzt anhand französischer
Kolonialpolitik ersichtlich. In seinen Beobachtungen zum Algerienkrieg be-
schreibt Frantz Fanon, wie in der französischen Kolonialisierungsstrategie die
algerische Frau zur Hauptfront stilisiert wurde (Fanon 1969: 19 ff). In der
»bataille du voile« (Shepard 2004: 134) galt die Eroberung der algerischen
Frau als die notwendige Bedingung, um den kolonialen Widerstand zu
brechen – denn die verschleierte algerische Frau sah, ohne gesehen zu wer-
den. Gegen Ende des algerischen Befreiungskriegs wurden sogar regelmäßig
in öffentlichen Zeremonien Frauen kollekiv zwangsentschleiert, was in den
Augen der Algerier und Algerierinnen bis heute als eine symbolische Ernie-
drigung gilt (ebd.).
Zu dieser Hierarchisierung und Viktimisierung leisteten aber auch euro-
päische Frauen mit explorativen Berichterstattungen über Orient und Harem
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik