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Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Seite - 369 -
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DAS KOPFTUCH ALS DAS ANDERE 369 mischen Raums Ende des 19. Jahrhunderts wird die Frauenfrage und insbe- sondere das Kopftuch zum »centerpiece of the Western narrative of Islam« (Ahmed 1992: 150). Die koloniale Kernthese dieses qualitativ neuen Islam- diskurses lautete: Dem Islam sei die Frauenunterdrückung inhärent und der Schleier und andere unterdrückende Bräuche seien für die Rückständigkeit islamischer Gesellschaften verantwortlich. Demnach symbolisierte der Schlei- er als das sichtbarste Zeichen die Unterdrückung der orientalischen Frau und damit die ontologische Differenz und Unterlegenheit islamischer Gesell- schaften. Folglich wurde der Reform der Kleidung muslimischer Frauen, be- sonders von Schleier und Kopftuch, eine zentrale zivilisatorische Funktion zu- gewiesen: »[C]hanging customs regarding women and changing their co- stume, abolishing the veil in particular, were key […] to bringing about desired general social transformation« (Ahmed 1992: 145). Erst im Rahmen dieser Instrumentalisierung, so Ahmed, hat die Frauenfrage in den arabisch- sprachigen Raum Eingang gefunden. Somit wurde das Kopftuch als politi- sches Symbol festgeschrieben und als sichtbares Zeichen für den kolonialen Blick ein Punkt der Fixierung. Für die Befreiung der kolonialisierten verschleierten Frau war die vikto- rianische Weiblichkeit Ideal und Maß – die europäische Frau wurde als das Gegenbild der unterdrückten muslimischen Frau festgeschrieben. In diesem Kontext diente die feministische Sprache der Kolonialisierung, um über die- sen Weg die orientalischen Männer zu beherrschen. Denn in der Rhetorik des ›Kolonialfeminismus‹ waren die kolonialisierten Männer für die Unterdrü- ckung ihrer Frauen und folglich für die degenerierte orientalische Kultur ver- antwortlich. Gayatri Spivak kennzeichnet diese Praxis als eine koloniale Kon- stante: »[W]hite men are saving brown women from brown men« (Spivak 1988: 294). Dass die Befreiung der muslimischen Frau durch eine Zwangsent- schleierung als Regulierungstechnik zur Durchdringung und Stabilisierung der kolonialen Herrschaft diente, wird nicht zuletzt anhand französischer Kolonialpolitik ersichtlich. In seinen Beobachtungen zum Algerienkrieg be- schreibt Frantz Fanon, wie in der französischen Kolonialisierungsstrategie die algerische Frau zur Hauptfront stilisiert wurde (Fanon 1969: 19 ff). In der »bataille du voile« (Shepard 2004: 134) galt die Eroberung der algerischen Frau als die notwendige Bedingung, um den kolonialen Widerstand zu brechen – denn die verschleierte algerische Frau sah, ohne gesehen zu wer- den. Gegen Ende des algerischen Befreiungskriegs wurden sogar regelmäßig in öffentlichen Zeremonien Frauen kollekiv zwangsentschleiert, was in den Augen der Algerier und Algerierinnen bis heute als eine symbolische Ernie- drigung gilt (ebd.). Zu dieser Hierarchisierung und Viktimisierung leisteten aber auch euro- päische Frauen mit explorativen Berichterstattungen über Orient und Harem
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Der Stoff, aus dem Konflikte sind Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Titel
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Untertitel
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Autoren
Sabine Berghahn
Petra Rostock
Verlag
transcript Verlag
Datum
2009
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-89942-959-6
Abmessungen
14.7 x 22.4 cm
Seiten
526
Schlagwörter
Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
Kategorie
Recht und Politik
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