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INTERESSEN VERTRETEN MIT VEREINTER STIMME
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Handlungsstrategien für Musliminnen
innerhalb der Gemeinden
Muslimische Frauen nutzen verschiedene Strategien, um Funktionen in der
religiösen Praxis und dem Gemeinschaftsleben, in Moscheegemeinden sowie
in repräsentativen Verbänden zu erlangen. Die derzeitige Situation des Islams
im Land ist charakterisiert durch Migration, den Status als nicht anerkannte
Minderheit und daher durch fehlende Institutionalisierung. In einer Zeit der
weltweiten Infragestellung islamischer Institutionen, die als ›Krise der Auto-
ritäten‹21 gekennzeichnet wurde, sind Musliminnen und Muslime in Deutsch-
land gefordert, Basisstrukturen aufzubauen. Die Abwesenheit historisch ge-
wachsener Institutionen zeigt sich dabei als durchaus ambivalent. Einerseits
sind Wissensvermittlung, innermuslimische Diskurse und politische Vertre-
tung in Deutschland unterentwickelt und heftig durch transnationale Einflüsse
geprägt. Andererseits bietet sich hier eine Chance, da keine etablierten oder
verkrusteten Strukturen bei Reformbestrebungen überwunden werden müs-
sen. Das ermöglicht es Frauen, bereits im Aufbau von islamischen Organi-
sationen in Deutschland eine aktive Rolle zu übernehmen.
Während Muslime in Deutschland zunächst als männliche Akteure in
weiblicher Begleitung wahrgenommen wurden, waren Musliminnen aktiver
als sie in öffentlichen Debatten über den Islam dargestellt wurden. Auch wenn
muslimische Aktivistinnen eine Beschreibung als Opfer zurückweisen, cha-
rakterisieren sie ihre Situation als einen konstanten Kampf um Akzeptanz für
ihre Aktivitäten und noch stärker für ihr Engagement in Entscheidungspo-
sitionen in islamischen Räumen und Organisationen.
In den meisten Moscheen der türkischen Dachverbände (DITIB, VIKZ
und ›Islamische Gemeinschaft Milli Görüş‹ (IGMG)), aber auch in einer Rei-
he arabischer Gebetsräume sind eigenständige Sphären der Frauenarbeit etab-
liert, die sich der Bestimmung oder Kontrolle von Männern teilweise voll-
ständig entziehen. Beispielsweise verfügt nahezu die Hälfte der über 80 isla-
mischen Gebetsräume Berlins über einen separaten Frauenbereich. Wie In-
terviews mit Vereinsvorständen zeigten, wissen die männlichen Besucher
häufig kaum, welche Aktivitäten Frauen in den Räumen betreiben. Das ver-
anschaulicht den teilweise hohen Grad an Segregation, der weiblichen Ge-
meindemitgliedern einen erheblichen Aktionsradius und eine durchaus ge-
schätzte Form der Selbstbestimmung ermöglicht. Andere Gemeinden richten
bewusst keinen zusätzlichen Raum für ihre Besucherinnen ein, da sie diese
Form der Trennung der Geschlechter nicht für notwendig bzw. wenig sinnvoll
erachten (Jonker 1999; Spielhaus 2006b: 69).
21 Für eine Diskussion der ›Krise‹ islamischer Autoritäten siehe Roy 2004; Cesari
2004: 125 ff; Bulliet 2004.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik