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KONFLIKTE UM DER FREIHEIT WILLEN SIND UNUMGÄNGLICH
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schaft da nicht versucht entgegenzusteuern, finde ich nach wie vor ein großes
Versagen.
Sabine Berghahn: Aus der Sicht der Betroffenen, d.h. aus Sicht der Musli-
minnen und Muslime, sieht die Situation doch ganz anders aus. Erstens den-
ken nicht alle Muslime gleich über das Kopftuch, zweitens wird es auch nicht
immer aus denselben Motiven heraus getragen. Abgesehen von dieser Diver-
sität auch unter den Muslimen – kommt es Dir nicht seltsam vor, dass Du
Diene Einstellung, Deine Art von Wohlbefinden und Kleidungsästhetik auf
andere Menschen projizierst und das Kopftuch so interpretierst, wie man es
zwar interpretieren kann, denn es gibt in einigen Fällen sicherlich auch den
Zwang, ein Kopftuch zu tragen – aber Du generalisierst diesen Zwang.
Halina Bendkowski: Mir ist schon ganz klar, und das ist auch unübersehbar,
dass ein Effekt dieser Debatte ist, dass ganz viele türkische Frauen das Kopf-
tuch als Schmuckstück ihres Protestes tragen und es auch ästhetisch gestalten.
Das ist mir klar, aber, wie gesagt, ich rede von denjenigen, die gezwungen
werden. Und das ist keine Frage der Ästhetik.
Sabine Berghahn: Aber es gibt gar nicht so viele Frauen oder Mädchen, bei
denen man klar sagen kann, dass sie zum Kopftuch gezwungen werden. Und
gerade die so genannten ›Neo-Muslimas‹,8 die ein Kopftuch sehr bewusst tra-
gen und emanzipiert auftreten, betonen gerade, dass das Kopftuch ihre Ent-
scheidung war und ihre Mütter teilweise gar keine Kopftücher tragen. Die ge-
ben dem Kopftuch einen anderen Sinn, der auch nicht einheitlich ist und viel-
leicht von außen nicht immer nachvollziehbar. Aber jedenfalls ist es nicht so,
dass sie zum Kopftuch gezwungen werden und auch nicht so, dass sie sich
einfach unterordnen.
Halina Bendkowski: Auf dieses Feld begebe ich mich nicht, denn über diese
Frauen rede ich nicht.
Petra Rostock: Aber woran machst Du Deine Unterscheidung zwischen de-
nen, die zum Kopftuch gezwungen werden und denen, die es freiwillig tragen,
fest?
Halina Bendkowski: Ich kann keine Unterscheidung von außen machen und
weiß auch, dass Opposition und Protest die sonderbarsten Formen annimmt,
auch die Form der freiwilligen Selbstkasteiung und Unterdrückung. Weil ich
die Unterscheidung nicht machen kann, aber weil es mir um die geht, die ge-
8 Siehe auch Monjezi Brown in diesem Band.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik