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erschwert, immerhin aber vollzogen sich binnen der zwei Jahre seiner österreichischen
Regentschaft auch im Innern so viele und bedeutsame Umgestaltungen, daß man an Hand
derselben über die eigentlichen Ziele seines Wirkens nicht leicht irre gehen kann. Wohl darf
man im Allgemeinen annehmen, daß der weitere Verlauf der französischen Revolution de«
gelehrigen Schüler Lockes über die letzten Conseqnenzen seines eigenen Systems hier und
da bedenklich stimmen mochte; aber gerade seine konstitutionellen Überzeugungen mußten
ihn eben so sehr vor reactionären Gesinnungen als vor deu josefinischen Experimenten ans
dem Gebiete des Einheitsstaates bewahren. Die Anschauungen, welche er in dem am
17. Februar 1791 den Statthaltern der Niederlande und später den dortigen Ständen
selbst übersendeten Memoire entwickelte, entsprachen vollkommen dem oben erwähnten
„Glaubensbekenntnisse" und auch in den alten Erblanden zeigte er sich in einzelnen Punkten
nachgiebig gegenüber den Gegnern der josefinischen Reformen. Überall aber hält er an
dem Principe der Staatshoheit fest, nirgends geht er über die theresianifche Epoche zurück.
Zwischen dieser uud den Reformen seines Bruders sucht er zu vermitteln, und seiue
Regierung ist eben darum, trotz ihrer kurzen Dauer, für Österreich so wichtig; die Zustände,
die sich am Ende seiner Regierung ausgebildet hatten, sind in mehr als einer Beziehung die
Grundlage für jenes Regierungssystem geworden, welches von 1792 bis 1848 in Österreich
bestanden hat. Obgleich selbst Theoretiker, ermaß er doch theils aus innerer Überzeugung
theils an den trüben Erfahrungen seines Bruders die Nachtheile einer auf bloßer Theorie
aufgebauten Gesetzgebung, und es ist daher nicht richtig, wenn man ihn als den Fürsten
hingestellt hat, unter welchem die Axt an die Wurzel des Ständelebens in Österreich gelegt
worden sei, das er vielmehr, namentlich durch die Begünstigung des dritten Standes
zu regeneriren, zeitgemäß umzugestalten und zu einer den gegebenen Verhältnissen
entsprechenden Theilnahme an dem Gesetzgebungswerke befähige» wollte.
Auch in Leopolds äußerer Politik kam sein durchaus maßvolles, jeder kriegerischen
Verwickelung abgeneigtes und auf die Erhaltung des Weltfriedens und des europäischen
Gleichgewichtes gerichtetes Wesen zu vollem Ausdrucke. Sie war couservativ im besten
Sinne des Wortes, und wenn man sie gelegentlich als „gewunden" „proteusartig" bezeichnet
hat, so dürfte die Erklärung dieser wechselnden Strömungen nicht so sehr in der angeblich
macchiavelliftischen Routine Leopolds, als in dem Gegensatze und in dem Verhältnisse
des Kaisers zu seinen Ministern, namentlich dem Staatskanzler Kaunitz zu suchen sein,
mit welchem er in der Auffassung der französischen Angelegenheiten vollkommen überein-
stimmte, ohne dagegen dessen Warnungen vor Preußens Politik Gehör zu schenken. Und
so ist denn als die wichtigste und zugleich ganz aus Leopolds Initiative hervorgegangene
That seiner Regierung nach außen der Allianzvertrag mit Preußen zu bezeichnen, den sein
jugendlicher Nachfolger als folgenschwere Erbschaft übernahm.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Übersichtsband, 1. Abteilung: Geschichtlicher Teil, Band 3
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Übersichtsband, 1. Abteilung: Geschichtlicher Teil
- Band
- 3
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1887
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.64 x 22.39 cm
- Seiten
- 278
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch