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Frankreichs Kosten zn erzielenden Eroberungen bewerkstelligt werden könnte, so war Thugut
in erster Linie neben der Ausdehnung der österreichischen Niederlande bis an die Somme
zugleich auf die Zurückwersung Frankreichs bis auf die Grenzen vor dem pyrenäischen
Frieden bedacht, und es ist daher die übrigens auch durch den österreichischen Feldzugs-
plan des Jahres 1793 widerlegte Behauptung, es sei Thugut mit der Erwerbung des
Elsaß nicht Ernst gewesen, ebenso falsch als die Meinung, er habe sich um jeden Preis
Belgiens zu entledigen gesucht, desseu Besitz er vielmehr durch die Gewiuuuug einer festen
Barriere zu sichern wünschte.
Während aber der unglückliche Verlauf des Krieges mit Frankreich nicht nur die
Hoffnung auf irgend welche Eroberungen nach dieser Seite hin und damit zugleich die
Aussicht auf die Erwerbung Baierns zerstörte, sondern zuletzt auch den Verlust der Nieder-
lande nach sich zog, strebte Thugut mit größerem Glücke eine Ausgleichung des Mißver-
hältnisses an, welches in der einseitigen Vergrößerung lag, die Preußen bei der zweiten
Theilung Polens zutheil ward. Es war dem österreichischen Gesandten in Petersburg
Ludwig Cobeuzl vorbehalten, den Mißgriff seines Vetters Philipp durch eiu Abkommen mit
Rußland wettzumachen, zu welchem der Ausstand der Polen uuter Koseiuszko den Anlaß
gab. Es war dies die dritte und letzte Theilung Polens, deren Bedeutung nicht nur in dem
beträchtlichen Ländererwerbe Österreichs, dem die Palatinate Krakau, Lubliu, Chelm und
Sandomir zufielen, sondern auch iu dem Umstaude lag, daß das miuderreich bedachte
Preußen seinen Widerstand dagegen ebensowenig wie zwei Jahre zuvor Österreich aufrecht
zu erhalten im Staude war. Ja noch mehr. An das Hauptabkommen (3. Januar 1795),
welches über den Rest Polens verfügte, schloß sich in der Form einer geheimen Declaration
ein Schutz- und Trutzbüuduiß der beiden Kaiserstaaten, welches sich in erster Linie gegen
Preußen zuspitzte, zugleich aber in der orientalischen Frage sich als eine zweite Auflage
der einst von Katharina und Josef gehegten Entwürfe darstellt, indem es im Falle eines
neuen Krieges mit der Pforte die Gründung eines aus Moldau, Walachei und Befsarabien
bestehenden russischen Fürstenthums und die Zuwendung Bosniens und eines Theiles von
Serbien, sowie der veuetianischeu Küstengebiete an den Kaiser in Aussicht nahm.
So waren im Osten wie im Westen Europas Ereignisse eingetreten, welche in ihren
Folgen wohl geeignet waren, die Machtverhältnisse und Beziehungen der großen Staaten
des Welttheiles zu einander auf eine völlig neue Grundlage zu stellen. Im Westen büßte
Österreich mit dem bleibenden Verluste Belgiens die feste Basis ein, auf welcher seit
einem Jahrhundert die Solidarität seiner Interessen mit denen der Seemächte im Wesent-
lichen beruht hatte, während im Osten die dritte Theilung Polens das Schicksal der alten
Adelsrepublik besiegelte und die Grenzen Rußlands, Österreichs und Preußens aneinander
rückte. Auch der Schwerpunkt des Krieges mußte sich mit dem Verluste Belgiens verschieben.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Übersichtsband, 1. Abteilung: Geschichtlicher Teil, Band 3
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Übersichtsband, 1. Abteilung: Geschichtlicher Teil
- Band
- 3
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1887
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.64 x 22.39 cm
- Seiten
- 278
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch