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wendete sein Zeitgenosse Stephan Gyöngyösi mehr die äußeren Elemente der Kunst mit
Meisterschaft, daher er auch schon zu seiner Zeit von außerordentlicher Wirkung war und
sich diese bis zum Anfang unseres Jahrhunderts erhielt. Er folgte den Spuren der
Chrouisteu seiner Zeit, verschmolz jedoch die geschichtliche Erzählung mit einem romantischen
Element und stellte nicht sowohl Schlachten als Liebeshändel dar. Die Bedeutung und
lebendige Wirkung seiner Werke, wie: „Die mit M a r s verkehrende Venus von
Mnräny" (a Uurssal türsa1!co6ü Uurär^i Venus), „Der aus seiner Asche er-
standene Phönix" (a?oraiböl moZelemeckett?koenix), der „Rosenkranz" (liü-isa-
kosöoru) u. s. w. liegt in der lebensvollen Schilderung und malerischen Darstellung, die
sich in leichten, wohlgefügten Rhythmen bewegt. So musikalisch hinfließende Alexandriner
wie Gyöngyösi haben nur die großen Dichter unseres Jahrhunderts geschrieben.
Mit der epischen Dichtung des XVII. Jahrhunderts vermochte die Lyrik nicht
Schritt zu halten, die Balassa nachahmte, höchstens daß der elegische Klageton, den sie
für ihre und des Vaterlandes Leiden haben, einigen Antheil erregt. Johann Nimai,
Peter Beuiezky und Stephan Kohäri sind die hervorragendsten Nachahmer Balassa's,
doch bedeuten sie keineswegs eine Hebung der ungarischen Lyrik. Erst im folgenden Jahr-
hundert zeigt'sich der Anlauf dazu bei Paul Räday, Ladislaus Amade und Franz
Falndi . Der Erstere schuf eiuige geistliche Gedichte, die sich durch Adel und Kraft der
Sprache, wie durch warme Empfindung nnd ernsten Ton auszeichnen; die beiden Anderen
aber erhoben die Lyrik zur Leichtigkeit der Wendungen, zu tändelnder Lauue, heiterer
Philosophie, hübschen Einfällen uud Bildern.
Suchen wir in der Lyrik des XVII. Jahrhunderts ergreifende, echte Töne,
so finden wir diese nicht in der Kunstdichtung, sondern in der sogenannten Kuruezeu-
poesie, die zwar auch einige interessante epische Proben auszuweisen hat, am reichsten aber
als Lyrik erklingt. Die Kriegs- und Trauerlieder, in denen fast immer Hohn und Schmerz
in Eins verschmelzen, richten sich zumeist gegen die fremden Unterdrücker. Zuweilen
bricht aus ihueu auch die Wehklage des verfolgten Protestanten hervor, der ständige
Grnndton jedoch ist mehr die Trauer um das unterdrückte Vaterland. Haß und Rache
kommen zu Worte, wohl auch die Verzweiflung, die hernach im Humor Linderung sucht.
Das berühmte Räköczy-Lied ist thatsächlich die „Rhapsodie des nationalen Leidens".
Als zu Aufaug des XVIII. Jahrhunderts die Kuruezeupoesie verstummt, beruhigt sich
auch die Nation bei den Errungenschaften des Szatmärer Friedens, sie ruht aus von den
Jahrhunderten des Kampfes, sie bricht mit der bisherigen politischen Richtung, sie beugt
sich der Macht der Thatsachen und geht Hand in Hand mit ihrem König an did Neu-
schaffung der politischen Einrichtungen des Landes, während die alten Überlieferungen
und Wünsche in ihrer Erinnerung immer mehr erblassen. Diese Epoche des Ausruheus
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Ungarn (3), Band 12
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Ungarn (3)
- Band
- 12
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1893
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.49 x 21.91 cm
- Seiten
- 626
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch