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„alten Weib" reichlich Krapfen in den Tragkorb zu. Nachdem sie die im Hause anwesenden
Mädchen mitgenommen haben, zieht die Maskerade weiter und versammelt sich abends
im Wirthshaus, wo die Belustigung bei der Musik oft bis zum Tagesanbruch währt.
Um Mitternacht wird der Bacchus (eine als Mann angekleidete Figur) oder die Baß-
geige (kasa) begraben; die Baßgeige wird in ein weißes Leintuch gehüllt und unter
Absingen von Begräbnißceremonien auf den Hof hinausgetragen.
Auf den Fasching folgt die vierzigtägige Fastenzeit (püst) vom Aschermittwoch
bis zu den Osterfeiertagen. Die Sonntage in der Fastenzeit haben jeder einen besonderen
Namen; so heißt der erste Fastensonntag (Invoeavit) der schwarze (öernä neclele,
angeblich von der schwarzen Kleidung der Frauen), der zweite (klsmimseere) heißt der
Röstsonntag (pra/.na neäele, nach den gerösteten Fastenspeisen praöma, puöälka, das
ist Einbrenn und Prägelerbsen), der dritte (Oculi) Nießsonntag (kvedavnä noäelo,
wievielmal man an diesem Tage niest, so viele Jahre wird man leben); der vierte (I^stars)
führt den Namen ckruöednä neckele, der fünfte (^uclica) heißt der Todtenfonntag
(smrtnä oder smrtewä neckele), weil an diesem Tage der Tod hinaus- und der Sommer
hereingetragen wird.
Das Todaustragen (vynäseni smiti), eine echt slavische Sitte, geschieht auf
folgende Art: die Kinder (gewöhnlich Mädchen) machen eine weibliche Strohfigur oder
behängen eine Strohfchaube mit alten Weiberkleidern, stecken sie auf eine Stange und
tragen sie vor das Dorf hinaus, wo sie dieselbe wieder entkleiden und in ein fließendes
Wasser werfen. Diese Strohpuppe heißt Nakena, klorena, Lmit oder Linrtola und stellt
den Tod, respective Winter vor. Hierauf schneiden sie ein junges Tannen- oder Fichten-
bäumchen, das litv (Sommer) ab, behängen es mit farbigen Bändern, bunten Papier-
schnitzeln und leeren Eierschalen und kehren damit ins Dorf zurück, wo sie von Haus zu
Haus herumgehen und folgende Lieder absingen: 3mit pl^ne pc> vocke, nove lelo k nain
jecke u. s. w. (Der Tod schwimmt auf dem Wasser, der neue Sommer kommt zu uns);
oder: 3mrl neseme vsi, nove leto 60 vsi (Den Tod tragen wir aus dem Dorf, den
neuen Sommer in das Dorf); oder: Notena, Hlorena, kam jsi KIlee äela? velajsein
je, ckela Lvatemu Ali n. f. f. (Moreua, wo gabst du die Schlüssel hin? Dem heiligen
Georg gab ich sie hin); oder: 1-ito, lilo, K6es tak ckloulio b^lc»? I) sluckänk^ u v»6v
mxlo i-nce i nokx. (Sommer, Sommer, wo warst du so lange? Am Brunnen, am Wasser
wusch ich mir Hände und Füße.)
Am Palmsonntag (kvetna necköle) läßt man in der Kirche junge Weidenzweige
mit Kätzchen (koöiek^) weihen und steckt sie zu Hause hinter Bilder und Wandspiegel,
in den Dachstuhl, im Stall hinter den Viehtrog, auf den Feldern ins Getreide, um
Gottes Segen herbeizurufen und die Felder vor Hagel- und Gewitterschäden zu schützen.
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch