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Die Eltern der Braut folgen geraume Zeit später nach. Von allen Seiten des
Dorfes strömen Zuschauer heran. Die Burschen, welche mit der abziehenden jungen
Hausfrau aufgewachsen sind, wollen anzeigen, wie ungern sie die Jugendfreundin verlieren,
und sperren am Ende des Dorfes durch aufgehäufte Gegenstände den Fahrweg. Kommt
nun der Kammerwagen bis zu dieser Stelle, so erlegt der Pferdelenker ein Stück Geld,
das die junge Hausfrau ansehnlich vermehrt; darauf wird die Sperre weggeräumt und
die Burscheu begleiten die Jugendfreundin eiue Strecke.
Auf dem Wege des festlichen Zuges müssen gewisse Sitten beobachtet werden. Hört
man zuin Beispiel zum ersten Mal einen Kukuk rufen, so greift Jedermann in den Sack
und rührt das dort befindliche Geld anf zum Zeichen, wie sehr man die Vermehrung des
Wohlstandes der jungen Hausfrau wünsche. Hört man eine Wachtel schlagen, so zählt
man die Schläge; ihre Anzahl bedeutet die Zahl der Kinder des juugeu Ehepaars. Die
Getreide-Art, in welcher die Wachtel schlägt, wird während des ganzen Lebens des Ehe-
paars günstige Ernten liefern; schlägt die Wachtel auf einem Rain, so bedeutet das Jahre
des Mißwachses uud Unfälle mit Kindern. Hört man zum ersten Mal donnern, so muß
die junge Hausfrau den nächsten schweren Gegenstand fassen und zu heben suchen, was
ihr Stärke und Gesundheit zu schaffen vermag.
Den Eingang in das Dorf des Mannes versperren wieder die Mädchen des Ortes,
scheinbar erzürnt, daß einer von ihnen ein Gatte entgangen und ein Jugendfreund aller
durch eine Fremde entzogen worden ist. Ein Tribut öffnet wieder dem Zuge den Eingang.
Die junge Hausfrau ladet nun alle Mädchen in das Haus ihres Mannes; sie schließen sich
dem allgemeinen Zuge au. Einige hundert Schritte vom Hause erwartet der junge Gatte
die Heranziehenden. Er küßt sein Weib und führt es bis ans Hausthor. Da begrüßt es
Musik, die Eltern des Mannes sprengen Weihwasser über das junge Ehepaar und führen
es in die Stube. Die Begleitung des Zuges, Burschen und Mädchen, beginnt nun einen
kurzen Tanz; dann folgt eine sehr reichliche Bewirthung, die bei festlicher Musik bis spät
in die Nacht hinein danert.
Schließen wir mit den Volksbräuchen bei den letzten Dingen des menschlichen
Lebens: beim Sterben, Aufbahren, Begraben und Er innern an die Abgeschiedenen.
— Liegt eiu Mensch im Sterben, so wird im Sterbestübchen ein Handglöcklein geläutet,
damit die scheidende Seele, gelockt durch die schwebenden Töne, noch einige Augenblicke in
der Nähe des erstarrenden Leibes verweile. Die Verwandten und Nachbarn stehen betend
herum, nur vom Weinen der Angehörigen unterbrochen. Ist der Tod unverkennbar einge
treten, so wird das Glöcklein weiter und weiter weg vom Entseelten, dann zur Thüre
hinaus und einmal um das Haus herum geläutet, damit man so die unwiderruflich
scheidende Seele noch auf ihrem Abschiedswege einige Augenblicke begleite. Erst dann
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (1), Band 14
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (1)
- Band
- 14
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1894
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.78 x 21.93 cm
- Seiten
- 634
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch