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war auch der trotzige Sinn des Adels gebrochen; fortan wendete er sich den schönen
Künsten mehr zu, als es seine Vorfahren thaten, und seine jetzigen Sitze zeigten Pracht
und Lnxns. Sowie er sich früher die Fortschritte des Westens in der Wehrhastigkeit
aneignete, ebenso machte er sich bald die feinen Fortschritte wälscher und französischer
Baumeister zu eigen; seine Wohnungen wurden weitläufiger, bis er sich schließlich den
jetzigen Wohnuugsverhältuisseu zuneigte. Keine Wälle, keine Gräben umringen seine
Wohnung, auch ist dieselbe kein trotziger Bau, sondern ein luftiges, feines, gemüthliches
Haus, gewöhnlich von schattigen oder blnmenreicheu Aulagen umgeben. Das ist im Kurzen
der Entwicklungsgang der böhmischen Königs- und Adelssitze.
Die ersten historisch bekannte» Burganlagen Böhmens erscheinen bereits
in der heidnischen Periode. Wir erwähnen nur einen alten Herzogssitz, welcher gewiß noch
aus der heiduischeu Zeit stammt, nämlich Alt-Kaurim oberhalb der Stadt Kanrim. Die
weitläufige Anlage dieser Herzogsburg unterscheidet sie von den Beamtenburgen des
XII. und XIII. Jahrhunderts. Man findet in Böhmen eine große Anzahl ähnlicher
Anlagen, welche vom Volke Hradiste (— Burgplatz, vom Worte kracl — Bnrg) benannt
werden. Einige von ihnen sind mit gewaltigen Erdwällen umgeben und umfassen einen
großen Raum.
Einen Übergang von diesen großartig angelegten Wallbnrgen, deren Gründnngs-
zeiten wahrscheinlich Jahrhunderte weit von einander liegen, zu den einfachen befestigten
Wohnorten bildeten solche Burgen, welche wir mit den späteren S täd ten vergleichen
könnten. Sie werden auch von unseren älteren Chronisten urbes genannt, während sie
ihrer Befestigung wegen auch eastra heißen. Sehr oft ist auch auf ihnen die in den ersten
Zeiten des Christenthums gegründete Kirche verblieben. Ein Beispiel davon ist die sonst
(1056) Lsteni, jetzt Hradiste benannte Burg, deren Standpunkt man sehr gut vom Bahn-
wagen betrachten kann, wenn man die Sazava entlang der Station Cercan entgegenfährt.
Eine überans steile, oben ziemlich geräumige Erdzunge wird von der Hochebene dnrch
einen gewaltigen, nun schon verflachten, Erdwall getrennt und in der Mitte steht die alte
St. Clemeuskirche. Eine ähnliche Lage hat Alt-Pilsen (bei Plzenec) mit seiner uralten
Rundkapelle, Prachin (bei Horaziiiowitz), und ähnlich sind die Anlagen bei Levyhradee
und Budec und der gewaltigen Burg Drevic (bei Lauu), woselbst überall die Kirchen, der
einzige Rest der alten Ansiedlnng, geblieben siud.
Wallburgeu der kleinsten Dimension waren die von den Beamten des Herzogs
bewohnten Sitze. Sie waren auf steilen Erdznngen angelegt und durch einen gewaltigen
Erdwall von der Hochebene getrennt, aber ihr Umfang glich vollkommen den spätereil
Steinburgen, welche mitunter auch in die älteren Anlagen hineingebaut wurden. Bis
jetzt siud derartige Anlagen erhalten in Wratzlau (Vratslav bei Hoheumant), Netolitz,
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Böhmen (2), Band 15
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Böhmen (2)
- Band
- 15
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1896
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 16.07 x 22.35 cm
- Seiten
- 708
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch