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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Galizien, Band 19
Seite - 276 -
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276 namentlich der polnischen, fügen, sowie eine nicht geringere Anzahl von Sagen, welche sich auf mythische oder historische Gestalten und Orte beziehen und man wird wenigstens annäherungsweise einen Begriff bekommen von der Phantasie dieses Volkes und ihren Schöpfungen. Einige dieser Schätze mögen wohl aus dem grauen Alterthume herstammen, andere sind uns unzweifelhaft von fremden Völkern zugekommen, das Übrige jedoch ist heimatlich Erworbenes. All' dieses Zusammengetragene oder Hergeflogene hat jedoch polnischen Charakter und polnische Gestalt angenommen und es ist meist unmöglich, es von den Heimatssagen zu unterscheiden. Frommer Geist, moralische Gesundheit uud Humor, spinnt sich wie ein goldener Faden durch alle polnischen Mythen, Märchen und Sagen. Wenn man die polnischen Mythen, Märchen und Sagen auf die Quellen hin erforscht, aus denen sie geflossen, so wird man sehen, daß es vor allem die Natur mit ihren Erscheinungen ist, welche dem Volke einen großen Vorrath an Motiven zu ihrer Darstellung geliefert hat. Woher dies und jenes entstanden, warum dieses und nicht ein anderes vorhanden, weshalb dieses oder jenes geschieht, während es dem Menschen doch scheint, daß es sich anders ereignen sollte, das sind die Fragen, deren Beantwortung die Phantasie in der Form von Sagen zu finden gesucht hat. Wenn man in der Ferne Störche sieht, welche auf einer Wiese einherstapfen, so scheint es, als seien es mähende, zu dieser Arbeit bis auf die Weste ausgekleidete polnische Banern. Außerdem hält sich dieser Vogel immer in der Nähe der Bauernwirthschaften und nährt sich seltsamer Weise von Fröschen und anderem häßlichen Gethier. Was hat das zu bedeuten? Dieses: Als Gott der Herr die Welt erschuf und alle Thiere darin, da bemerkte er, daß da zuviel Gethier und Geziefer sich vermehrt habe, welches den Menschen belästigen kann. Da er nnn den Menschen diese Plagen erleichtern wollte, befahl er den Fröschen, in einen ausgebreiteten Sack zn kriechen, ebenso den Eidechsen, den Vipern und allerlei anderem Gethier und Gewürm. Es kroch eine schwere Menge hinein und der Sack wurde geschlossen. Als dies geschehen war, rief Gott einen Bauer heran nnd sprach: „Da, nimm ihn auf den Rücken, trag' ihn zum Wasser und wirf ihn hinein. Nnr binde mir den Sack ja nicht anf, merke dir's!" Der Bauer nimmt den Sack nnd trägt ihn fort, dennoch aber läßt ihm die Neugierde keine Ruhe. „Was kann da wohl drinnen sein?" denkt er bei sich. „Ich muß doch schauen." Er sah sich ein-, zweimal um, nein, der liebe Herrgott ist nirgends zn sehen. Er versteckt sich hinter ein Gebüsch und bindet den Sack auf. Da aber: myk, myk, frn, frn, frn! — alles war gleich fort. Der Bauer blieb ganz verdutzt stehen und in diesem Augenblick hat ihn der Herrgott in einen Storch verwandelt, welcher jetzt bis an's Ende der Welt alles Gewürm und Gethier unh Ungeziefer auflesen muß.
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Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild Galizien, Band 19
Titel
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Untertitel
Galizien
Band
19
Herausgeber
Erzherzog Rudolf
Verlag
k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
Ort
Wien
Datum
1898
Sprache
deutsch
Lizenz
PD
Abmessungen
16.48 x 22.34 cm
Seiten
920
Schlagwörter
Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
Kategorien
Kronprinzenwerk deutsch
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