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Diese Theilung der gewerblichen Thätigkeit nach der technisch-productiven
(Kleinmeister) und der commerciell-vermittelnden (Verlagsmeister) Seite wurde durch
Organisationen sanctionirt, welche die ganze städtische, sowie einen Theil der die
Städte umgebenden ländlichen Bevölkerung umfaßten. Diese Organisationen waren die
Zünfte (esnaks)'). Es würde den gegebenen Rahmen weit überschreiten, wollte ich mich
hier in Einzelheiten über diese überaus interessanten Gewerbsgenossenschaften ergehen.
Nur so viel sei erwähnt, daß diese Institution von den Türken in das eroberte Bosnien
gebracht wurde. Die Türken hatten die Zunftverfassung mit vielem Anderen aus dem
Chalisenreich der Araber ererbt. Berufsverbände waren aber schon im alten Perserreich,
hauptsächlich jedoch in Ägypten die Grundlage der Wirthschaftsordnung.
Die Zünfte (esnals) sind in der Form wenigstens, in welcher wir sie bei dem
mohammedanischen Theil der Bevölkerung antreffen, eine importirte Einrichtung. Sie sind
die Hüterinnen über die Ehrsamkeit (das »kallal--Arbeiten) des Handwerks, über die
Ordnung (jol) in Production und Handel.
Die Zuustregeln wurden zumeist mündlich von Geschlecht zu Geschlecht überliefert.
Sie sind die Wiege eines ganz eigenartigen Volksrechts in Handel und Verkehr geworden.
Hie und da schlössen sich die Zünfte sogar zu Productivgenossenschaften zusammen, wie die
Fleischer, Gerber, Opankenmacher und Riemer. Sowohl Mohammedaner wie Christen
wurden, bald gemeinsam, bald getrennt, durch das Band der Zunft umschlossen. Die Christen
hatten besonders durch die Zunft die Steuer aufzubringen. Die Zunft sorgte für Alters- und
Krankenunterstützung, für Witwen und Waisen, selbst für die Speisung der Gefangenen.
An der Spitze der Zunft steht der »öekaja"^). Er ist der „Zunftmeister" der
deutschen Zünfte. Nächst ihm ist der kalka-dasi oder Mt-daSi, der Gesellenaufseher, der,
welcher insbesondere die Lohnsätze feststellen und alle Angelegenheiten mit den Verlags-
arbeitern, Gesellen und Lehrlingen zu coutrolireu hatte. Mehr ein Titel als ein Amt war
die Würde des usta dasi^) oder nach der Zunft genannt, kuMnäxi-baZi^), ter?i-basr'),
t-ur^i-daSi^) :c. Heute würde man sie „Hoflieferanten" nennen. Es wurden diejenigen so
genannt, welche für hohe Beamte oder Militärs oder gar für den Stambnler Hof Waaren
zu liefern hatten. Jede Zunft besaß ihr Banner (dkyralc, kalem) und es war eine oft
mit schwerem Gelde erkaufte Ehre, das Banner bei festlicher Gelegenheit tragen zu dürfen
(bl^i-Aktar alem-äar).') Eine sehr wichtige Person war der der Zunftfeldwebel.
Er war das Executivorgan des eekaja, seine rechte Hand, er übte die Gewerbe- nnd
Handelspolizei aus.
!) »LsnÄf- ist der Plural des arabischen Wortes welches ebenfalls „Znnft" bedeutet. >) Türkisch
Das Wort ist, wie viele andere im Sprachschatz der „ssnüt's- vorkommende Bezeichnungen, persischen Ursprungs: „Icetlioäa"
bezeichnet das Familienhaupt. 2) ,basi- bedeutet Haupt, Chef, „usta" Meister. *) Chef der Goldschmiede. 5) Chef der Schneider.
'') Chef der Kürschner. ?) Zunftbannerträger.
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Buch Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild - Bosnien und Herzegowina, Band 22"
Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Bosnien und Herzegowina, Band 22
- Titel
- Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild
- Untertitel
- Bosnien und Herzegowina
- Band
- 22
- Herausgeber
- Erzherzog Rudolf
- Verlag
- k.k. Hof- und Staatsdruckerei, Alfred von Hölder
- Ort
- Wien
- Datum
- 1901
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- PD
- Abmessungen
- 15.34 x 22.94 cm
- Seiten
- 536
- Schlagwörter
- Enzyklopädie, Kronländer, Österreich-Ungarn
- Kategorien
- Kronprinzenwerk deutsch