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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
Diese beiden Krisen münden in eine originelle Synthese: Der Wunsch des
Einzelnen nach Freiheit und nach subjektivem Ausdruck verbindet sich –
ohne einen vorgefassten Plan – mit einem Wunsch nach Selbstbestim-
mung, der von der Wirtschaft ausgeht. Letztere will sich von den politi-
schen Institutionen lösen, um sich in voller Freiheit bewegen zu können.
Dieser Übergang beschleunigt sich mit zunehmender Liberalisierung der
Märkte in den 1980er Jahren, und das dem Markt entgegengesetzte öko-
nomische Modell zerbröckelt. So kündigt sich die Entstehung einer neuen
globalen Marktgesellschaft an: Der Begriff der ,Globalisierung‘ dient dazu,
dieses Vorhaben zu benennen.1 Hierbei bildet der Aufstieg des Neoliberalis-
mus den wichtigsten Umstrukturierungsfaktor des gegenwärtigen Kapita-
lismus, der durch das Einsetzen einer neuen Akkumulationsphase gekenn-
zeichnet ist, in der die Flexibilisierung die Starrheit der vorigen institu-
tionellen Ordnungen verdrängt, während der Interventionsspielraum der
Institutionen angesichts des weltumspannenden Wirtschaftsdynamismus
stark eingeengt wird (Lash, Urry 1994; Thrift 2005; Sassen 1998, 2002).
Der Neoliberalismus vertritt eine neue Freiheitsvision und zugleich eine
neue Sichtweise auf das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft. Tat-
sächlich erachtet dieser den individuellen Pol gegenüber den Institutionen
als vorrangig. Der wichtigste Bezugspunkt liegt dabei in der Idee der Wahl-
freiheit, die einer Gesellschaft zugrunde liegt, die als einfaches Resultat der
Kombination von Individuen zu denken ist, die ihre jeweiligen Möglichkei-
ten zu erweitern suchen. Auf diese Weise wird die zentrale Bedeutung einer
einzigen Institution legitimiert, nämlich die des Marktes: Dieser gründet
sich auf der Annahme der Selbstregulierung, zumal er durch individuelle
Initiative, durch wirtschaftliche Freiheit von allen staatlichen Bindungen,
durch die Befriedigung von Bedürfnissen und den freien Warenverkehr im
Hinblick auf den weit verbreiteten Konsum gespeist wird.
Da der Markt als Institution auf eine Übereinkunft über die Mittel ausge-
richtet ist, passt er sich potenziell jedem kulturellen Kontext an und ver-
bindet sich leicht mit anderen Phänomenen wie der technischen Expansion.
Tatsächlich verstärkt diese Expansion die unaufhörliche Produktion von
Mitteln und neigt durch die Aufnahme wissenschaftlicher Erkenntnisse in
ihr Inneres dazu, die Rolle einzunehmen, die in der Vergangenheit zuerst
religiöse und dann politische Weltanschauungen hatten: Durch die Tech-
Der Wunsch des Einzelnen nach Freiheit und nach subjektivem Ausdruck verbindet
sich mit einem Wunsch nach Selbstbestimmung, der von der Wirtschaft ausgeht.
1 Bekanntlich ist die Literatur zu
diesem Thema sehr umfangreich,
da in diesen Jahrzehnten zahlreiche
WissenschaftlerInnen an der Debatte
über die Globalisierung teilgenom-
men haben. Darüber hinaus hat sie
sich in verschiedenen Gebieten aus-
differenziert, indem sie eine Reihe
von Aspekten hervorhebt, die in die-
sem „Dachkonzept“ enthalten sind,
das nicht nur verwendet wurde, um
die stattfindenden Prozesse, son-
dern auch, um ein zu verfolgendes
Ziel aufzuzeigen, wie es zuvor mit
den Begriffen ,Industrialisierung‘
und ,Rationalisierung‘ geschehen
war (Giaccardi/Magatti 2001). Hier
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven