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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
liert werden, das Vakuum zu füllen, durch welches der Wunsch hervorgeru-
fen wird.2 Um der Wunschstimulierung nachzukommen, beschleunigt das
System ständig und weitet das Verbraucherpublikum grenzenlos aus. Die
wirtschaftliche Dynamik, die sich von 1989 bis 2008 durchgesetzt hat, ist
unbestreitbar, wie aus der Steigerung des Weltbruttosozialprodukts deut-
lich wird: eine außerordentliche, aber – angesichts ihrer Auswirkungen bei
Hereinbrechen der Krise – unausgeglichene Steigerung.
Jenes Modell schafft die Voraussetzungen für eine völlig neue Verbindung
von Individualisierung und Systemen. Die wachsende Nachfrage nach Sub-
jektivität, die von den Individuen innerhalb der fortgeschrittenen Demo-
kratien ausgeht, wird durch die technische Systemkraft befriedigt, d.
h. mit
der Erweiterung der Mittel, sodass die Möglichkeiten vermehrt werden und
jene Nachfrage nach Wohlstand, Individualität und Fülle befriedigt wird,
die von anderen Systemen nicht mehr befriedigt werden kann.3
Die Freiheit wird also letztlich folgendermaßen gesehen: Einerseits iden-
tifiziert man sie mit der Vermehrung der erreichbaren Ziele und der den
Individuen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, andererseits mit der
individuellen Entscheidung, die stets offen gehalten und tendenziell nie-
mals verwirklicht werden darf, da dies eine Verringerung der Möglichkei-
ten implizieren würde.
Die absolute Freiheit und ihre Implikationen
Zu den Rückwirkungen der beschleunigten Ausdehnung des technisch-
ökonomischen Systems gehört sicherlich die Fragmentierung: Um eine
solche Ausdehnung zu ermöglichen, war es notwendig, alles aufzulösen,
und gerade auch in diesem Sinne spricht man von einer nihilistischen Kul-
tur bzw. Gesellschaft: Etymologisch leitet sich nihil aus der Verschmelzung
zweier Wörter ab, nämlich ne-hilum, was ,ohne Faden, ohne Verbindung,
ohne Zusammenhang und Sinn‘ bedeutet. Neben der Fragmentierung der
Berufswege sowie der Lebenswelten und -räume innerhalb der Städte
(Sennet 2018) zerbrechen gesellschaftliche Bindungen und Solidarität ganz
allgemein.
2 Bezeichnenderweise wird hierfür
der Begriff ,Erfahrungswirtschaft‘
verwendet (Pine/Gilmore 2000).
3 So z. B. von der Religion oder der
Politik, welche über die Jahrhun-
derte der Prämoderne und Moderne
hinweg den Anspruch hatten, die
menschlichen Bestrebungen zu be-
friedigen, indem sie durch Ausübung
ihrer eingesetzten Macht dem Über-
maß und der Freiheit des Individu-
ums entgegentraten.
Freiheit wird einerseits mit der Vermehrung der erreichbaren Ziele, andererseits
mit der (stets offen gehaltenen) individuellen Entscheidung identifiziert.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven