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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
Ich“ (GSG 4, 143), ein Subjekt, das in seiner wesentlichen Struktur relatio-
nal und individuell ist.
Das Subjekt ist also keine Monade, es ist kein felsenfestes Element, das sich
von seinen historischen Beziehungen entfernt, um einen unveränderbaren
und substanziellen Kern zu bewahren. Ebenso wenig ist es etwas Unver-
gleichliches, das sich nur um sich selbst und um seine Innerlichkeit dreht,
sodass es der mächtigen Objektivierung entgehen könnte. Diese Einschät-
zungen, die von den modernen Formen des Individualismus nachdrücklich
betont wurden, betrachten die gesellschaftliche Dimension als den Indivi-
duen nicht eigentlich zugehörig.
Das Individuum aber, welches die Beziehung zur Welt verliert, ist nicht
mehr der ganze Mensch, sondern wird der mittelmäßige Mensch, weil er
seine Individualität verliert. Für Simmel bedeutet Individualität, dass das
Ich sehr wohl etwas für-sich ist, aber gleichzeitig außerhalb-von-sich
projiziert ist:
„Wenn man eine Grundtatsache sucht, die als die allgemeinste Voraus-
setzung aller Erfahrung und aller Praxis, aller Spekulation des Denkens
und aller Lust und Qual des Erlebens gelten könnte, so wäre sie vielleicht
so zu formulieren: Ich und die Welt. Diese ist die Grundtatsache des
Menschseins.“ (GSG 14, 80)
Das Subjekt kann deshalb also nicht einseitig definiert werden, sondern
nur ausgehend von der Simultaneität der verschiedenen Dimensionen. Es
ist nicht nur teilweise sozial und teilweise individuell, sondern es ist un-
ter der Kategorie einer Einheit zu fassen, die wir nicht anders als durch die
Gleichzeitigkeit der logisch entgegengesetzten, jedoch gleichzugehörigen
Determinationen ausdrücken können. Es handelt sich nicht um eine Ein-
heit im Sinn einer horizontalen Nebeneinanderstellung der verschiedenen
Dimensionen: Das Leben „ist überhaupt nicht eine Summe“, sondern es ist
„in jedem seiner Augenblicke ganz und gar wirklich“ (GSG 16, 393).
Es handelt sich für Simmel um eine Einheit, die als ,einheitliche Zweiheit‘
radikal neu gedacht werden muss: Sie enthält in sich, im Gegensatz zum
Dualismus, die Vielheit des Lebens, also die entgegengesetzten Pole als
Gegensätze, die jedoch nicht widersprüchlich sind – also das, was schon
Ein Individuum, welches die Beziehung zur Welt verliert,
ist nicht mehr der ganze Mensch.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven