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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
eigenes lebendig-seelisches Dasein bildet einen Ausdruck des Lebens: In
diesem neigen die Form und der Anreiz, jede Grenze zu überwinden, dazu,
sich zu vereinigen.
Innerhalb des technisch-nihilistischen Vorstellungsraums wurde die
Grenze lediglich als ein Hindernis betrachtet, das es zu überwinden gilt,
in der Überzeugung, dass derjenige, der von einem Ereignis zum nächs-
ten geht und immer weiter geht, den Eindruck gewinnt, er hätte die Fä-
higkeit, von der Kontingenz Abstand zu nehmen und also frei zu sein. Die
Annahme, dass unser Zugang zur Wirklichkeit nicht von den Formen ab-
hängt, impliziert, dass unsere eigene Sichtweise auf die Freiheit sich stets
mit einer Grenze auseinandersetzt. Die Freiheit hat ihren Platz innerhalb
dieses Verhältnisses von Form und Lebensprozess, von Grenze und Grenz-
überschreitung: Simmel zufolge ließe sich der Mensch als derjenige umrei-
ßen, der seine Freiheit auslebt, wenn er an der Grenze zwischen Unendli-
chem und Endlichem verharrt, zwischen der Erfahrung des Endlichen und
dem ständigen Sich-Hinauslehnen in Richtung auf das Unendliche.
Deswegen öffnet sich in Bezug auf das Ereignis, das uns entgegenkommt
–
egal ob wir SchauspielerInnen oder ZuschauerInnen sind –, der Raum der
Antwort, einer nicht schon definierten Antwort, als ob sie ein „Echo“ wäre,
„das mechanisch und ganz und gar erst dann auftritt, wenn eine äußere
Bewegung entstanden ist“ (GSG 16, 316). Es handelt sich um eine originel-
le
– wenn auch begrenzte – Antwort, durch die wir als Freiheitswesen sein
können, ohne einfach an den Fluss der Dinge angeglichen zu werden. In
diesem Sinne bildet für Simmel gerade die Verantwortung (als Antwort) die
Grundlage für die Freiheit.9
Und damit diese Antwort eintritt, ist für die Freiheit anzuerkennen, dass
Erschaffen bedeutet, etwas eine Form zu geben, das auf diese Weise, wenn
auch innerhalb seiner Grenze, existiert. Die Freiheit wird so der Illusion
völliger Absolutheit entrissen, und sie wird in der menschlichen Erfahrung
verankert, welche Alterität, Bindung, Welt und Transzendenz in sich auf-
nimmt.
Die Handlung, mit der die Freiheit entscheidet, die Wirklichkeit von ‚Leben
und Form‘ zu bejahen oder zu verneinen, ist auch die Handlung, mit der sie
über sich selbst entscheidet, denn es ist eine Handlung, die mit dem Er-
schaffen neuer sozialer Formen zu tun hat, die beim Festlegen von (für die
9 So schreibt Simmel: „[...] die
Vorstellung der Freiheit, als sei sie
eine für sich bestehende Potenz des
Individuums, auf die hin nun, relativ
zufällig und begrifflich davon un-
abhängig, seine Verantwortbarkeit
eintrete, ist ein Produkt der indivi-
dualistischen Weltanschauung“
(GSG 4, 209; vgl. Martinelli 2011).
Freiheit ist das ,seelische‘ (menschliche) Element, das dazu imstande ist,
jede Form zu beleben, deren Seele es ausmacht.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven