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Monica Martinelli | Die Freiheit der Freien im technisch-ökonomischen Zeitalter
Schlussfolgerungen
In den modernen Denktraditionen über das Thema der Freiheit wurde die
Freiheit vor allem in ihrer Fähigkeit reflektiert, aufzulösen und abzulösen,
wobei sie anhand von quantitativen und materiellen Kriterien definiert
wurde. Eine solche Interpretation der Freiheit wurde durch das sozio-öko-
nomische Entwicklungsmodell verstärkt, das in den letzten Jahrzehnten
des 20. Jahrhunderts die Realität nach der Logik technischer Systeme ge-
staltet, die die individuellen Möglichkeiten unbegrenzt erweitern, indem
sie die Macht der Medien multiplizieren mit dem Anspruch, die Inbesitz-
nahme der Realität durch das menschliche Wesen zu vergrößern.
Dennoch zeigt das Modell eines unbegrenzten Wachstums gleichzeitig sei-
ne Unzulänglichkeiten, wie im Übrigen die wirtschaftliche Krise gezeigt
hat. Paradoxerweise besteht das schwache Glied des Systems gerade im
Menschen als solchem. In der Tat fand sich der Mensch der für technische
Systeme typischen Funktions-, Produktiv- und Leistungslogik unterwor-
fen wieder, ohne Aussicht auf Zukunft und auf Bedeutung.
Mit diesem Beitrag wurde der Versuch unternommen, die Freiheit, ausge-
hend von ihrem inneren Wesen neu zu denken: Ihr relationaler Ursprung
innerhalb des Paradigmas der ,Generativität‘ lässt Freiheit in ihrer Fähig-
keit entwickeln, neue Formen sozialer Bindung zu gestalten, die ihrerseits
neue soziale Institutionen formen können. Genau darin liegt ein dringen-
des Bedürfnis der entwickelten Gesellschaften, gerade wenn man bedenkt,
wie die fluide Gesellschaft, die mitnichten als Entlastungszustand von den
bedrückenden Fesseln gelten kann, inzwischen offensichtliche Probleme
aufweist: Eben jene so sehr gepriesene Subjektivität ist schwach geworden,
wenn sie die Umrisse eines ,Menschen aus Sand‘ (Ternynck 2011) annimmt;
zerfranste Beziehungen verhindern jedes Nachempfinden von Bedeutung
sowie das Annehmen und die Pflege der Wirklichkeit (Stiegler 2010); die
Logik der Beherrschung führt in ihren performativen Zügen zu scheinbar
leichten, aber doch starren Formen der Regulierung (Gherardi 2018); die
Angst vor dem Anderen und vor den globalen Gefahren befördert die Rück-
kehr zu geschlossenen Verbindungen, die oft in Richtung illiberaler Situa-
tionen führen (Bauman 2017).
Freiheit innerhalb des Paradigmas der ‚Generativität‘
kann neue Formen sozialer Bindung gestalten.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven