Seite - 221 - in Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Bild der Seite - 221 -
Text der Seite - 221 -
222 | www.limina-graz.eu
Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten
Konsument wird konsumiert, ja, er selbst wird zum Gegenstand des Kon-
sums, zu einem Gegenstand, der im Diskurs des Kapitalisten vom „Willen
des Genießens“ des Anderen konsumiert wird. Das auf einen „Turbo-Kon-
sumenten reduzierte Subjekt, für das Lipovetsky zumindest unter gewissen
Umständen noch lobende Worte findet, ist nicht nur, wie der französische
Soziologe glaubt, der vernunftgeleitete Herr über seinen Geschmack und
die freien Möglichkeiten von dessen Befriedigung. Er ist nicht nur in der
Lage, „in jeder Hinsicht jene Möglichkeiten auszunutzen, die sich aus den
beiden großen Zielen der Moderne ergeben: nämlich Effizienz und Glück
auf Erden“. Sondern er ist auch und vor allem Ausdruck eines von der sym-
bolischen Kastration abgekoppelten Genießens, das ebenso undurchlässig
für den Diskurs der Liebe wie antivital ist und das dazu tendiert, den Kon-
sumenten selbst zu konsumieren.
Die entscheidenden Elemente, die den Diskurs des Kapitalisten als ano-
nyme Maschine des Genießens beleben und formen, sind der Ausfall des
Ideals und seiner orientierenden Funktion, die Verdunstung der normati-
ven Kraft des Gesetzes sowie das Aufkommen eines neuen Totalitarismus
des Objektes des Genießens. Daraus ergibt sich eine extreme symbolische
Unsicherheit des Anderen in unserer Zeit: Krise der Politik, der Ideologie,
des Religiösen, der Werte, des Bildungsdiskurses; sowie eine Epoche, die
post-ideologisch, post-modern, hyper-modern, post-menschlich ist. Es
handelt sich um eine Unsicherheit, die das Ergebnis einer Instabilität von
Beziehungen darstellt, oder besser von Beziehungen, die das Bindemit-
tel der Instanz des Ideals verloren haben, die also instabil sind – „flüs-
sig“, würde Zygmunt Bauman (2000) sagen –, der reinen Kontingenz des
Symp toms ausgesetzt. Was selbst Bauman übersieht: Bindungen scheinen
sich dennoch zu kristallisieren, zu verdinglichen, zu verfestigen. Das ist die
andere Seite des Diskurses des Kapitalisten. Der Ausfall des Ideals und der
Sturz der väterlichen Funktion – in Lacans Terminologie ist das die Krise
des Diskurses des Herrn – bringen nicht nur die Liquidierung von Bindun-
gen mit sich, bar jeder symbolischen Orientierung, sondern tendieren auch
dazu, die monadische, autistische, narzisstisch feindliche Verdichtung ge-
genüber dem symbolischen Austausch zu verstärken.
Die Produktion von Unzufriedenheit
Der Diskurs des Herrn formulierte ein hierarchisches Machtkonzept, in-
dem er eine normative Version des Unmöglichen behauptete, während der
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven