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Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten
firmation. Es ist kein Zufall, dass Lacan im Seminar XVII das Konzept des
Mehr-Genießens von Marx und seinem Konzept des „Mehrwertes“ („plus-
valore“) ableitet. Beide Konzepte eint, dass sie einer Dialektik von Weg-
nahme und Zugabe entspringen: Wie beim Marx’schen „Mehrwert“, der
zunächst von einer Wegnahme ausgeht (der Kapitalist zahlt nicht für einen
Teil der Arbeit des Arbeiters, und diese Wegnahme bildet die Grundlage für
seinen Profit), so entsteht auch das Mehr-Genießen aus einem Verlust an
Genießen, der vom Diskurs des Herren dekretiert wurde, welcher den Zu-
gang zu unbegrenztem Genießen versperrt. Das Mehr-Genießen kompen-
siert den Raub des Genießens (oder „gedenkt“ seiner), den Marx selbst am
Ursprung des kapitalistischen Profits sieht: „[...] was Marx als Mehrwert und
Raub von Lust anprangert. Und doch ist der ‚Mehrwert‘ wie ein Gedenken des
‚Mehr-als-Genießens‘, es ist das Äquivalent von ‚Mehr-als-Genießen‘“ (Lacan
2001, 96).
Wir sehen, warum Lacan den Diskurs des Herrn zum Diskurs aller Diskur-
se gemacht hat: Der Verlust des Genießens, den die Sprache in das Subjekt
einführt – dessen Raub – ist die Bedingung für die Produktion jedes mög-
lichen Mehr-Genießens; und das, obwohl sich ein derartiges Mehr-Ge-
nießen nur vor dem Hintergrund dieses Raubes selbst ereignet. In diesem
Sinn ist der Diskurs des Herrn die Kehrseite des Diskurses des Unbewuss-
ten: Das Objekt klein a verdankt seine Existenz als Kondensator des Genie-
ßens dem Verlust von Genießen (strukturell sanktioniert durch die Spra-
che), obgleich jenes selbst [das Objekt klein a] eine singuläre Kompensation
für diesen Verlust darstellt. Im Unterschied dazu verzerrt der Diskurs des
Kapitalisten das Objekt klein a als ein verlorenes Objekt und leugnet damit
dessen konstitutive Verbindung mit dem Gesetz der Kastration. Er bringt
das Windrad von Gadget-Objekten auf den Markt, die nur eine „gefälsch-
te“ Darstellung des Objektes klein a sind, insofern sie dieses zwar übertrie-
ben anpreisen, aber seinen Status als „verlorenes Objekt“ verleugnen. Es
ist eine „aufgeblasene“ Dimension, die Lacan „verschiedenen“ Objekten
klein a zuschreibt, welche – einmal in Gadget-Objekte verwandelt – die
vom Diskurs des Kapitalisten dominierte Welt bevölkern. Sie finden sich
überall, „auf dem Bürgersteig, der herauskommt, in allen Ecken der Stra-
ße, hinter allen Fenstern, in der Fülle dieser Objekte, um dein Begehren zu
wecken“ (Lacan 2001, 203).
Gadget-Objekte bevölkern die vom Diskurs des Kapitalisten
dominierte Welt. Sie finden sich überall.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven