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Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmächtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
getrieben, während die Nachfrage nach weniger Qualifizierten zurückging
und deren Entlohnung trotz Wirtschaftswachstums stagnierte. Schließlich
hat die Entwicklung von internetbasierten Plattformen die Bedeutung von
intangiblen Unternehmensinvestitionen gegenüber klassischen Investitio-
nen in Maschinen, Gebäuden und Grundstücken erhöht und die Gewinne
erfolgreicher Internetpioniere enorm gesteigert, während die Einkommen
wenig- und mittelqualifizierter weißer US-Amerikaner zurückgingen bzw.
stagnierten, was Trump öffentlich beklagt hat.
Für die US-amerikanischen Präsidenten vor Trump waren dies bedauerli-
che, aber eben unvermeidliche Folgen der nun weltweiten (von Teilen Afri-
kas abgesehen) Arbeitsteilung zwischen weniger und höher entwickelten
Ländern. Für die wenigen Kritiker dieses international-wirtschaftspoli-
tischen laissez faire wie Rodrik (2011) war dies ein Politikversagen, das es
Trump ermöglichte, die US-amerikanischen Verlierer der internationa-
len Angebotspolitik mit einer neuen Form des Wirtschaftsnationalismus („I
am a tariff man“) für sich zu gewinnen. „Massive Einschränkungen von
Freihandel und Zuwanderung sollen dem Nationalstaat seine Handlungs-
fähigkeit und damit auch seine Verantwortung für die wirtschaftliche Ent-
wicklung zurückgeben.“ (Winkler, 2017, 125) Für Trumps Wähler aus der
unteren Mittelschicht war die versprochene Abschottung gegenüber dem
Ausland attraktiv, weil in den von Zöllen geschützten Branchen Arbeits-
plätze (zumindest kurzfristig) erhalten bleiben und weniger Zuwanderung
aus dem Ausland den Druck auf die inländischen Löhne der weniger Qualifi-
zierten verringert. Beides versprach eine Verbesserung der wirtschaftlichen
Situation von Trump-Wählerinnen und Trump-Wählern.
Winkler (2017) weist aber auch auf die Bedeutung soziokultureller Faktoren
für Trumps Wahlsieg über Clinton hin. Kern dieser Erklärung des Aufstiegs
wirtschaftsnationalistischer Politiker ist die Ablehnung gesellschaftslibera-
ler Werthaltungen, wie sie die sozial progressive demokratische Präsident-
schaftskandidatin verkörperte. Auch wenn die Verquickung wirtschaftsli-
beraler und gesellschaftsliberaler Positionen nicht denknotwendig ist, wird
genau diese von machthungrigen Politikern genutzt, um für wirtschafts-
illiberale Politik zu werben und diese auch durchzusetzen. Denn mit staat-
licher Protektion heimischer Wirtschaftszweige gegenüber billigerer aus-
ländischer Konkurrenz und einer restriktiven Zuwanderungspolitik lässt sich
Die Verquickung wirtschaftsliberaler und gesellschaftsliberaler
Positionen wird politisch genutzt.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven