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Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmächtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
„Anders artigen“ weg, was Protektion weniger kostspielig macht. Die Protek-
tion nimmt zu, wenn der letzte Effekt stärker als der erste ist, und das ist
genau in der Abb. 1 der Fall.
Aus rein ökonomischer Sicht ist protektionistische Außenhandelspolitik in
einer kleinen offenen Volkswirtschaft irrational, weil sie dem Eigeninteresse
des Durchschnittsbürgers zuwiderläuft. Das gilt nicht mehr, wenn man das
individuelle Eigeninteresse nicht auf den Nutzen aus dem Güterkonsum
beschränkt. Als soziales Wesen orientiert sich eine rationale Wählerin nicht
nur an den voraussichtlichen Effekten eines Wahlprogramms auf ihren
materiellen Nutzen, sondern auch an psychischen Größen wie Stolz, soziale
Akzeptanz und Selbstwert. Sie entscheidet sich für jene Politik, welche sie
seelisch zufrieden, aber nicht notwendigerweise reich macht. Die Sozialpsy-
chologie lehrt, dass seelische Zufriedenheit und Selbstwert zum Teil daher
kommen, dass das Individuum sich als Mitglied einer sozialen Bezugsgrup-
pe sieht. Das Individuum sucht Bestätigung von anderen und möchte dazu-
gehören. Der Einzelne identifiziert sich mit Mitmenschen, die er schätzt, er
erlebt Genugtuung, wenn die Bezugsperson erfolgreich ist, Unbehagen, wenn
die Bezugsperson nicht erfolgreich ist. Daher ist es naheliegend, das Wohl-
ergehen von anderen, mit denen sich jemand identifiziert, als Teil der eige-
nen Bedürfnisbefriedigung zu sehen und Politiken zu unterstützen, die den
Bezugspersonen wie einem selber nützen. Identitätspolitik ist dann die logi-
sche Konsequenz dieses Denkens. Protektionistische Außenhandelspolitik als
Teil dieser Identitätspolitik maximiert den materiellen und psychosozialen
Nutzen des Durchschnittsbürgers in der kleinen offenen Volkswirtschaft.5
Identifizierung ist völlig freiwillig und lässt sich nicht von außen erzwin-
gen. Insoweit Identität Selbstkategorisierung widerspiegelt, wird sie auf
wirtschaftlichen und kulturellen Wandel reagieren. Weil Identität politische
Präferenzen beeinflusst, beeinflussen Veränderungen des Identifikations-
regimes politische Ergebnisse. Soziale Identifizierung erfolgt in diskreten
(sprunghaften) Schritten: Man ist Teil einer Eigengruppe (In-Group) oder
Teil einer Fremdgruppe (Out-Group). Starke Veränderungen in den politi-
schen Präferenzen, die als „populistische Revolution“ bezeichnet werden,
sind seit 2015 in den USA und anderen reichen Ländern zu beobachten. Po-
pulismus wird als Identitätspolitik verstanden, wo sich der Einzelne nicht
mehr breit mit der Nation, sondern enger mit seiner eigenen Bezugsgruppe
identifiziert. Die andere „elitäre“ Gruppe wird als korrupt punziert, und die
5 Das gilt genauso in einer großen
offenen Volkswirtschaft wie der
USA, weil der Terms of Trade-Effekt
in der großen offenen Volkswirt-
schaft die psychosozialen Nutzen-
komponenten nicht tangiert.
Identitätspolitik ist die logische Konsequenz.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven