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Eugen Dolezal und Moritz Windegger | KI – Künstler oder Werkzeug?
handen, schreibt Floridi (Floridi 2017, 99–104). Steht der Name „Beetho-
ven“ für diese Wende im Jahr 2020?
Obgleich das Projektteam eingesteht, dass die Maschine das Genie nie er-
setzen können wird, so postuliert es doch, dass man einen „Blick in den
Kopf des Komponisten“ (Weiguny 2019) erhalten würde. Grundsätzlich
scheinen also zumindest zwei Thesen in Bezug auf die Leistung der Ma-
schine möglich:
̟ Künstliche Intelligenz kann die Prozesse des künstlerischen Schaf-
fens Beethovens abbilden und fortführen.
̟ Künstliche Intelligenz kann mehr oder weniger eigenständig Kunst
schaffen. Ein Rechner entwickelt die bisher dem Menschen eigene
Fähigkeit, Künstler zu sein.
Die erste These lässt sich bei näherer Betrachtung schnell relativieren: Na-
türlich wird das Ergebnis schon allein aus Gründen der Geschichtlichkeit
nicht dasselbe sein, das es um 1827 gewesen wäre. Und es wird auch nicht
exakt dasselbe Werk sein, erklärt der am Projekt mitarbeitende Robert Le-
vin:
„Was KI uns gestattet, ist die Möglichkeit, den weiteren Verlauf eines
Satzes in 20, in 100 verschiedenen Fassungen anzubieten. Und das ist
unendlich faszinierend, denn wenn es algorithmisch sehr gut gemacht
wird, dann ist jeder Versuch plausibel.“ (Deutsche Telekom AG 2019)
Es ist das Expertenteam, das die generelle Struktur für die fertige Kompo-
sition festlegt. In diese Struktur werden die Vorschläge, die die KI errech-
net, eingearbeitet. Die KI errechnet zudem neue Ideen. Ihre Komposition
produziert sie zunächst als monoton anmutende Tonfolge. Erst durch das
erneute Aufführen durch ein Instrument geschieht die Interpretation, über
die „die Komposition zum Leben erwacht“ (Deutsche Telekom AG 2019).
Diese Interpretation leisten Musiker.
In weiterer Folge sollen die aufgeworfenen Fragestellungen und die ih-
nen innewohnende Unruhe des Verhältnisses von Künstlicher Intelligenz
und künstlerischem Schaffen näher betrachtet werden. Ebenso soll ge-
klärt werden, in welchem Verhältnis das maschinelle Produkt zum Original
steht, wie und unter welchen Einschränkungen die Maschine arbeitet, und
inwiefern ein Algorithmus Kunst schaffen kann. Im kommenden Abschnitt
soll nun das Verhältnis zwischen dem Original Beethovens und dem nun
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 3:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 3:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven