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Eugen Dolezal und Moritz Windegger | KI – Künstler oder Werkzeug?
sei es ein Musikstück oder ein Gedicht, das auf Basis der Lyrik eines Dichters
„vollendet“ wird. Die Maschine entreißt dem Kunstwerk einen ihm ureige-
nen Teil und produziert gleichzeitig etwas Neues. Der Teil, der dem Kunst-
werk durch die maschinelle Fortschreibung entrissen wird, ist das genuin
menschliche Moment seiner eigenen Genese. Selbst wenn dem Produkt der
Künstlichen Intelligenz eine eigene Aura zuschreibbar ist, so ist diese doch
grundverschieden von jener des Originals und mindert doch gleichzeitig
dessen Aura. Das ist alleine darin begründet, dass der menschliche Vollzug
am Kunstwerk, das künstlerische Schaffen des Menschen selbst fehlt.
Hinsichtlich der Fortschreibung historischer Kunstwerke gilt dies umso
mehr, da, Benjamin folgend, die Veränderungen in der Kunst durch die
Veränderungen der Wahrnehmung in der Geschichte bedingt sind (vgl.
Benjamin 2015, 18–19). So hatten die Bildhauer der Antike eine andere
Wahrnehmung, die sich in ihren Kunstwerken verfestigt, als die Bildhauer
der Renaissance. Ebenso wenig wie es Letzteren möglich war, in ihrem Hier
und Jetzt eine Statue zu meißeln, die der Wahrnehmung der Ersteren ent-
spricht, ist es heute möglich, ein Musikstück zu schaffen, das den Anspruch
erheben könnte, der Wahrnehmung von Beethovens Zeit zu entsprechen.
Schon alleine aus diesem Grund kann es sich nicht um ein „Fortschreiben“
und schon gar nicht um ein „Vollenden“ handeln.
Die Künstliche Intelligenz ist aber nicht nur, wie der Mensch, durch die
zeitliche Komponente der Wahrnehmung eingeschränkt, sondern unter-
liegt bereits in ihrer ureigenen Konstruktion weiteren Schranken. Die das
Kunstwerk konstituierende Wahrnehmung ist nämlich nicht lediglich eine
Erfahrung, aus der sich logisch das Kunstwerk ergibt, sie ist immer auch
die Erfahrung des Künstlers/der Künstlerin, die ihm/ihr zuteilwerdende
persönliche Erfahrung. Diese persönliche Erfahrung ist ungleich mehr als
die bloße Information über sie, ist sie doch ein Anteilnehmen an der Wirk-
lichkeit (vgl. Spadaro 2012, 104; bes. auch Borgmann 2007). In diesem Kon-
text ist daher die Funktionsweise der Künstlichen Intelligenz zu betrachten
und danach zu fragen, ob man bei einer Maschine überhaupt von der für
die Schaffung eines Kunstwerkes notwendigen „Wahrnehmung“ sprechen
kann.
Die ein Kunstwerk konstituierende Erfahrung ist immer
die persönliche Erfahrung des Künstlers/der Künstlerin.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 3:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 3:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven