Seite - 384 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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384 | Doris Felsen und Viviana Frenkel
und wurde dort zum Anhänger des italienischen Faschismus, «denn zu dieser Zeit wa-
ren wir alle Faschisten».17 Bei Kriegsbeginn kehrte er nach Italien zurück und wurde
zum Wehrdienst einberufen. Seine Erlebnisse als Soldat an der griechischen Front und
in Nordafrika erzählt er sehr lebhaft und detailliert. Nach dem 8. September lebte er als
«Herumtreiber» in Rom und wurde Ende März 1944 im Zuge einer Großrazzia in den
Tagen nach dem Attentat in der Via Rasella18 gefangen genommen. Ein Angebot, fĂĽr
die Deutschen zu arbeiten, schlug er aus – «vom Patriotismus hatte ich dermaßen die
Schnauze voll, ich hatte so viele Tote gesehen, so viel Verrat, soviel Scheußlichkeit»19 –
und wurde im Juli 1944 in die Berliner Gefängnisse Alexanderplatz und Plötzensee ge-
bracht. Von dort kam er im September 1944 nach Mauthausen. In seinem Interview re-
konstruiert er sehr eindrucksvoll die düstere und verzweifelte Atmosphäre des Lagers.
Im Folgenden werden am Beispiel einiger Biografien mehrere Gruppen von Depor-
tierten vorgestellt.
Der Arbeiterwiderstand : Die Streikenden (Angelo Signorelli und Maria Fugazza)
Angelo Signorelli wurde in einer Bauernfamilie in der Provinz Bergamo geboren, wuchs
aber in Monza auf, wo die Familie hinzog, als der Vater eine Stelle als Hilfsarbeiter bei
der «Unione»-Anlage der Falck-Stahlwerke in Sesto San Giovanni erhielt. Wie schon
der ältere Bruder vor ihm trat auch Angelo mit 14 Jahren als Modellierlehrling der
Falck Unione bei. Gegen Ende 1942 hörte Angelo zum ersten Mal das Gerücht eines
bevorstehenden Streiks gegen den Faschismus, den Krieg und die Preissteigerungen :
«Gegen Ende ’42 hörte ich eben zum ersten Mal in meinem Leben das Wort ‹Streik›. Ich
wusste nicht einmal, was Streik bedeutete, weil es ein verbotenes Wort war …»20
In der Tat wurde Norditalien 1943 in den Monaten März, August sowie Oktober/
November von einer Streikwelle ĂĽberrollt. Die aufgrund des Krieges schon seit Jahren
andauernde Wirtschaftskrise hatte dem italienischen Produktionssystem arg zugesetzt.
17 AMM, MSDP, OH/ZP1/518, Interview mit Reno Bonfiglioli, Interviewerin : Viviana Frenkel, Mailand,
26. 9. 2002, Ăśbersetzung, Z. 16. Siehe dazu Giulia Albanese/Roberta Pergher (Hg.) : In the Society of
Fascists. Acclamation, Acquiescence, and Agency in Mussolini’s Italy, New York 2012 (Italian and Italian
American Studies).
18 Das Attentat war ein Partisanenangriff gegen die Besatzungstruppen, der am 23. März 1944 erfolgte. Als
Vergeltungsakt ermordeten SS-Einheiten am darauffolgenden Tag 335 Zivilisten und Militärpersonal bei
den Ardeatinischen Höhlen, antike Gruben, die als Ort der Exekution gewählt wurden, um die Leichen
zu verbergen. Aufgrund seiner Grausamkeit und der hohen Opferzahl wurde dieses Ereignis zum tragi-
schen Symbol der deutschen Besetzung der italienischen Halbinsel. Vgl. Alessandro Portelli : L’ordine è
giĂ stato eseguito. Roma, le Fosse Ardeatine, la memoria [Der Auftrag ist bereits ausgefĂĽhrt worden. Rom,
die Ardeatinischen Höhlen, die Erinnerung], Roma 2005 [1999] (Virgola, 19).
19 AMM, MSDP, OH/ZP1/518, Interview Bonfiglioli, Ăśbersetzung, Z. 748 f.
20 AMM, MSDP, OH/ZP1/011, Interview mit Angelo Signorelli, Interviewerin : Doris Felsen, Monza, 28. 5.
2002.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen